Am 22.01.2026 habe ich auf Einladung im Rahmen einer Onlineveranstaltung der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Dialysezugang (IAD) im zweiten Teil über das Thema Shuntüberleben gesprochen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Technik, nicht die Operation und auch nicht das Gesundheitssystem allein, sondern eine Frage, die heute oft verdrängt wird: Welche Rolle spielt der Patient selbst für das Überleben seiner Lebensader?
Der Shunt ist für Dialysepatientinnen und -patienten weit mehr als ein medizinischer Zugang. Er ist die Voraussetzung für ihr Überleben, er wird rund 350-mal im Jahr punktiert und arbeitet rund um die Uhr. Trotzdem wird dies künstlich geschaffene Organ, im Alltag häufig wie ein reines „Arbeitsinstrument“ betrachtet – zuständig dafür sind andere: Pflege, Ärzte, Technik. Der Patient selbst zieht sich aus der Verantwortung zurück oder weiß gar nicht, dass er Möglichkeiten besitzt, selbst aktiv Verantwortung zu übernehmen.
Genau hier liegt ein wachsendes Problem.
Eigenverantwortung ist heute kein romantischer Begriff mehr und auch kein Ideal aus früheren Dialysezeiten. Sie ist eine Notwendigkeit. Denn während die Technik moderner wird, Ultraschall verfügbar ist, Dialysemaschinen intelligenter werden und sogar KI Einzug hält, nimmt gleichzeitig das Desinteresse vieler Patienten an der eigenen Behandlung zu. Viele überlassen alles dem Personal, möchten sich nicht mehr kümmern, nicht mehr hinschauen, nicht mehr nachfragen. Die Botschaft, dass Eigenverantwortung zu einem längeren Shuntüberleben beitragen kann, erreicht diese Patienten oft nicht mehr – oder sie wird bewusst abgewehrt. Oft schauen Patienten ins Tablet statt auf den Ablauf.
Das ist eine unbequeme Wahrheit:
Mit dieser Haltung wird die heutige Dialysegeneration nicht 40 oder 50 Jahre überleben.
Nicht, weil die Medizin schlechter wäre, sondern weil immer öfter die Mitverantwortung fehlt.
Dabei ersetzt Eigenverantwortung keine Medizin. Sie ergänzt sie. Sie beginnt mit einfachem Wissen: den eigenen Shunt kennen, seinen Verlauf, seine Funktion, Veränderungen wahrnehmen, fühlen, hören, sehen. Sie bedeutet, Auffälligkeiten früh anzusprechen und nicht erst dann, wenn der Shunt bereits zu ist. Entwicklung und Verlauf auf dem Smartphone dokumentiere. Wer seinen Shunt nicht kennt, überlässt seine Lebensader dem Zufall – in einem System, das unter Zeitdruck, Personalmangel und wirtschaftlichen Zwängen steht. Es kommt dadurch immer häufiger zur Anlage von Kathetern, die eine hohe Infektionsrate und eine erhöhte Sterblichkeit mit sich bringen. Doch viele Patienten nehmen das nicht mehr richtig wahr. Oft sieht man nur das scheinbar Positive: Beim Katheter muss man nicht abdrücken und ist schneller wieder aus der Dialysepraxis draußen.
Ein zentraler Punkt des Vortrags war deshalb auch die Punktion. Die Punktion ist keine Nebensache, sie ist einer der wichtigsten Faktoren für das Shuntüberleben. Trotzdem wird sie im Alltag oft automatisiert durchgeführt: wechselnde Punktierende, Zeitdruck, wiederkehrende Fehlpunktionen. Viele Patienten ertragen das still, obwohl sie Schmerzen haben oder innerlich merken, dass etwas nicht stimmt.
Dabei ist die Punktion Teamarbeit. Der Patient darf – und muss – hier eine Rolle spielen. Er darf Nein sagen, wenn eine Pflegekraft bei seinem Shunt unsicher ist. Er darf darum bitten, dass jemand anderes punktiert. Das ist kein Widerstand, sondern Verantwortung für die eigene Lebensader.
In diesem Zusammenhang wurde auch über die verschiedenen Punktionsarten gesprochen. Was dabei häufig untergeht, ist ein besonders wichtiger Aspekt: die Selbstpunktion durch den Patienten. Alle Fachgesellschaften empfehlen sie. Und doch finden Patientinnen und Patienten, die sich dafür interessieren, heute kaum noch Ansprechpartner. Sie hören Sätze wie: „Was wollen Sie das selbst machen?“ oder „Das machen wir doch für Sie.“ Schulungen fehlen, Zeit fehlt, erfahrenes Personal fehlt – und manchmal auch die Bereitschaft, Verantwortung abzugeben.
Dabei sind die Vorteile der Selbstpunktion seit Jahrzehnten bekannt: immer der gleiche Punktierende, ein besseres Gefühl für den eigenen Shunt, weniger Fehlpunktionen, weniger Schmerzen, die Möglichkeit, die Situation des Shunts eins zu eins mit dem Shuntchirurgen zu besprechen, mehr Schonung des Gefäßes und häufig ein längeres Shuntüberleben. Diese Vorteile werden im Dialysealltag kaum noch vermittelt. Stattdessen wird Bequemlichkeit mit Fürsorge verwechselt – auf beiden Seiten.
Auch beim Abdrücken fehlt bei vielen die Einsicht für die nötige Zeit. „Ich drücke fünf Minuten, dann ist es zu. Ich hatte noch nie Probleme.“ Aber gerade hier kann viel schiefgehen: Nachblutungen, Hämatome und langfristige Schäden gefährden den Shunt. Man muss dabei unwillkürlich an das Lied von Klaus Lage denken: 1000 Mal … Was kosten zehn Minuten länger im Vergleich zur eigenen Lebensqualität? Doch auch hier stößt man bei Patienten oft auf taube Ohren – und das Personal wiederum ist froh, wenn das Bett schnell frei wird für die nächste Schicht.
Ein Blick in die Zukunft zeigte im Vortrag auch Chancen. Moderne Ultraschallverfahren wie POCUS, digitale Dokumentation und KI-gestützte Assistenzsysteme können helfen, Punktionen sicherer zu machen und Shunts länger zu erhalten. Projekte wie die „Smart Shunt Technologie“ denken diese Möglichkeiten weiter: nicht als Ersatz für Menschen, sondern als Unterstützung für Pflege, Ärzte und Patienten. Gerade hier liegt eine große Chance, Eigenverantwortung wieder zu stärken, statt sie weiter zu verdrängen.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Shuntchirurgie selbst unter Druck steht. Wirtschaftliche Zwänge, politische Vorgaben und Personalmangel führen dazu, dass gute Shuntversorgung noch schwieriger wird. Die Gefahr, dass noch mehr Patienten mit Kathetern versorgt werden, ist real – mit allen bekannten Risiken. Umso wichtiger wird der Erhalt dessen, was funktioniert: der native Shunt und der bewusste Umgang mit ihm.
In der anschließenden Diskussion, die von Steffanie Neuhäusel moderiert wie geleitet wurde, mit dem Nephrologen Dr. Torsten Meyer (Braunschweig), der Shuntchirurgin Isabell Jester (Hamburg), der Pflegeexpertin Kathleen Rickert (Hamburg) und den Teilnehmenden zeigte sich, dass alle Perspektiven zusammengehören. Gute Shuntversorgung gelingt nur im Miteinander. Patientenwissen ist keine Störung, sondern eine zu oft ungenutzte, wichtiger Zusatz. Und Eigenverantwortung ist kein Angriff auf das Personal, sondern eine Entlastung – wenn sie zugelassen wird.
Am Ende bleibt eine unbequeme Botschaft:
Shuntüberleben beginnt nicht im OP, sondern im Alltag am Dialyseplatz.
Und dieser Alltag scheitert dort, wo Patienten Verantwortung abgeben, wegschauen oder schweigen.
Wer seine Lebensader vollständig anderen überlässt, verliert sie früher – nicht aus Bosheit, sondern aus Systemdruck, Zeitmangel und Überforderung.
Eigenverantwortung ist heute kein Extra mehr, sondern Voraussetzung für langes Überleben. Wer sie nicht übernimmt, entscheidet langsam unmerklich mit – gegen seinen Shunt, gegen seine Lebensqualität und am Ende gegen seine eigene Zukunft.
Ich danke der IAD für das Vertrauen und Einladung zum Thema einen Vortrag zu halten.
Martin G. Müller
Spektrum Dialyse