Nachruf Prof. Dr. med. Kurt Dreikorn

 

 

 

„Die Menschen vergessen, was du gesagt hast. Sie vergessen, was du getan hast. Aber sie vergessen niemals, wie sie sich durch dich gefühlt haben.“    Maya Angelou"

 

Am 27. Februar 2026 ist Prof. Dr. med. Kurt Dreikorn, ein Pionier der Urologie und Transplantationsmedizin, für immer von uns gegangen.

 

Ich lernte Prof. Dreikorn 1980 als achtjähriges Kind in der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg kennen. Er gehörte zu den ersten Ärzten, die mich operierten und medizinisch begleiteten. Von Anfang an entstand zwischen uns etwas, das ich aus heutiger Sicht kaum anders beschreiben kann als eine besondere Arzt-Patienten-Beziehung. Als Kind empfand ich es fast wie eine Freundschaft.

 

Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung. Meine jungen Mitpatienten hatten großen Respekt vor ihm. Einige sagten: „Der ist nicht so wie unsere Ärzte in der Kinderklinik.“ Auch ein wenig Angst war dabei. Als meine Eltern mit mir zur Vorstellung wegen der Transplantation bei ihm saßen, verschränkte ich im Sessel die Arme, sah ihn an und sagte: „Ich will Dir mal eins sagen: Ich habe vor Dir keine Angst wie die anderen Kinder!“ Offenbar hatte ich damit etwas gesagt, was ihm gefiel. Jedenfalls entwickelte sich danach zwischen uns eine außergewöhnliche Verbindung.

 

Als ich transplantiert wurde, war Prof. Dreikorn immer um mich bemüht. Er nahm mir Angst, ohne viele Worte darum zu machen. Wenn ich nicht essen wollte, schickte er jemanden los, um mir Pizza oder Hähnchen zu besorgen, was ich damals so liebte. Er gab mir Spritzen mit Wasser, damit ich das Personal nassspritzen konnte. Manchmal brachte er mir auch meine Lieblings-Limonade aus dem Automaten mit.

 

Besonders gerne klaute ich ihm seinen Piepser und seine Stifte. Wenn der Piepser dann losging, musste ich zurückrufen, denn schließlich war ich ja nun der Professor. Dafür entwendete er mir wiederum meine Matchboxautos. So war das damals zwischen uns. Ein großer Arzt und ein schwerkrankes Kind, das durch solche Momente die Angst ein Stück weit vergaß.

 

Er nahm mich sogar mit zur großen Chefvisite. Ich bekam einen kleinen weißen Kittel mit Namensschild „Prof. Dr. Martin Müller“, ein Stethoskop, und so durfte ich mitgehen. Er zeigte mir Röntgenbilder, fragte mich Dinge und ließ mich teilhaben an einer Welt, die für ein Kind eigentlich viel zu groß und viel zu schwer war. Aber durch ihn wurde sie für mich leichter. Öfter durfte ich ihn sogar auf einer Trage durch die Klinikgänge fahren. Er wollte mich damals sogar mit nach Amerika zu einem Kongress und ins Disneyland nehmen. Ich hatte Angst und wollte nicht. Die Karten, die er mir von der Reise und später schickte, befinden sich bis heute in meinem Besitz.

 

Prof. Dreikorn operierte mich damals insgesamt dreimal, darunter bei zwei Transplantationen. Mein Leben stand in dieser Zeit auch so sehr auf Messers Schneide, dass ich die Letzte Ölung erhielt. Doch durch seine Art, mit mir umzugehen, rückten selbst diese schweren Erfahrungen in den Hintergrund. Bis heute überwiegen so bei mir die guten Erinnerungen. Das ist vielleicht eines der größten Komplimente, das man einem Arzt machen kann: Dass ein Kind trotz schwerster Krankheit nicht zuerst die Angst behält, sondern Menschlichkeit, Vertrauen und Dankbarkeit.

 

Auch fachlich gehörte Prof. Dr. Kurt Dreikorn zu den bedeutenden Persönlichkeiten seines Gebietes. Seine Arbeit war eng verbunden mit der Nierentransplantation, der Lebendnierentransplantation, der postmortalen Organspende, der Immunologie und der Immunsuppression. Bereits seine Habilitationsschrift befasste sich mit der Konservierung von Spendernieren. Über viele Jahre prägte er die Urologie und Transplantationsmedizin in Heidelberg und später als Direktor der Urologischen Klinik des Zentralkrankenhauses St.-Jürgen-Straße in Bremen.

 

Er war nicht nur Operateur, sondern auch Gestalter und Mitprägender einer Zeit, in der sich die Transplantationsmedizin in Deutschland entscheidend entwickelte. Seine Mitgliedschaften in wichtigen Fachgremien, darunter im Bereich Organtransplantation, Nierentransplantation und Eurotransplant, zeigen, dass er weit über den einzelnen Operationssaal hinaus Verantwortung übernommen hat. Zudem gehörte Prof. Dreikorn zu den Pionieren jener Ärzte, die bei einer gemeldeten Organspende selbst mit einem Team in die Klinik des Spenders flogen, um die Organe für die spätere Transplantation zu entnehmen. Für Patienten wie mich war er jedoch nicht zuerst ein Name in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, sondern der Arzt, der am Krankenbett stand, Mut machte, Hoffnung schenkte, einem Kind die Angst nahm und selbst in schwersten Zeiten noch Heiterkeit vermitteln konnte.

 

Später wechselte Prof. Dreikorn von Heidelberg nach Bremen. Verständlicherweise verloren wir mit den Jahren den Kontakt. Doch vergessen habe ich ihn nie.

 

2019 begann ich nach vielen Jahrzehnten eigener Dialyseerfahrung, über mein Leben, meine Krankheit und die Situation von Nierenpatienten zu schreiben. Über diese Veröffentlichungen kamen Prof. Dreikorn und ich nach all den Jahren noch einmal telefonisch in Kontakt. Er hatte meine Texte in Diatra gelesen, wo er zum medizinischen Beirat gehörte und fragte mich, ob ich damit einverstanden wäre, dass diese auch auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Urologie veröffentlicht würden. Darüber freute ich mich sehr und sagte selbstverständlich zu.

 

Wir sprachen noch eine Weile. Er erzählte von seinem Berufsleben, von seinem Ruhestand, von seiner Frau und davon, dass er gerne mit ihrem Hund spazieren gehe. Es war für mich eine große Freude, nach so vielen Jahren seine Stimme noch einmal zu hören. In Heidelberg hatte er damals auch seine Frau kennengelernt, die als Schwester tätig war und mich, wenn ich mich recht erinnere, ebenfalls betreute.

 

Im Januar stellte ich meine Erinnerungen an meine Kinderzeit zu meiner Zeit in Heidelberg fertig. Ich wollte ihm noch ein Exemplar zukommen lassen. Dazu kam es leider nicht mehr. Denn es erreichte mich die Nachricht von seinem Tod.

 

Prof. Dr. med. Kurt Dreikorn war nicht nur ein Arzt. Er war ein großer, vielgeschätzter Mediziner mit einem großen Herzen für seine Patienten. Er hat vielen Menschen Hoffnung, Zuversicht, Mut und Leben geschenkt, gerade dort, wo Patienten und Angehörige vielleicht selbst schon kaum noch Kraft hatten.

 

Ich werde diesen einzigartigen Mediziner, der mein Leben in einer entscheidenden Zeit meiner Krankheit begleitet hat, nie vergessen. Er hat mir nicht nur medizinisch geholfen. Er hat mich als Kind gesehen, ernst genommen und mir in einer schweren Zeit ein Stück Unbeschwertheit zurückgegeben.

 

Die Nachricht von seinem Tod hat mich sehr traurig gemacht.

 

Seiner Frau und seinen Angehörigen spreche ich mein aufrichtiges Beileid aus. Sie haben nicht nur den Mittelpunkt ihres Lebens verloren, sondern wir alle einen großartigen, liebenswerten Menschen und einen bedeutenden Mediziner.

 

In dankbarer Erinnerung

 

Martin G. Müller

Spektrum Dialyse

ehemaliger Patient von Prof. Dr. med. Kurt Dreikorn


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