Eine Kolumne von Martin G. Müller – ungefiltert, unverschönt, unüberhörbar
Es gibt Momente, da reißt es Dialysepatienten den Boden unter den Füßen weg. Nicht wegen der Krankheit – an die Krankheit gewöhnt man sich. Sie arrangieren sich mit der Maschine, mit den Nadeln, mit dem Druck, mit den Schmerzen. Was bis heute nicht allen gelingt: sich mit den Menschen zu arrangieren, die glauben, sie hätten das Recht, uns Patienten klein zu machen. Menschen, die uns nicht als Patienten sehen, sondern als Störfaktoren. Menschen, die nicht verstehen, dass wir nicht nur eine Nummer sind, sondern ein Mensch mit teils langjähriger, fast fünfzig Jahren und mehr Krankheitserfahrung. Menschen, die gelernt haben, zu überleben. Und die genau deshalb den Mund aufmachen, wenn etwas falsch läuft.
Wenn Macht wichtiger wird als Menschlichkeit
Wie erleben teils Dinge, für die man sich schämen müsste. Nicht wir – sondern diejenigen, die sie getan haben. Wir erleben teils, wie Pflegedienstleitungen ihre Autorität nicht einsetzen, um zu helfen, sondern um zu demütigen. Viele haben schon erlebt, dass man als Strafe beispielsweise aus einem Zweibettzimmer in ein Sechsbettzimmer verlegt wird – nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern weil man es gewagt hat, Grenzen zu setzen. Grenzen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Hygiene. Sicherheit. Respekt. Und dann steht man als Patient da, als jemand, der seit Jahrzehnten dialysiert, der dank Maschinen lebt – und wird behandelt wie ein Schuljunge, der „aufsässig“ war.
Man will uns zeigen, wer Macht hat. Man will uns ruhigstellen. Aber wenn ich sowas erlebe, bin ich die falsche Person die ruhig zuschaut. Ruhig werde ich irgendwann, ganz sicher – aber erst in der Box im Leichenkeller. Solange ich lebe, solange Blut fließt und die Maschine pumpt, werde ich, auch als Vertreter der Selbsthilfe sagen, was gesagt werden muss. Denn wenn ich schweige, wer spricht dann? Wer schützt die, die sich nicht wehren können? Wer spricht für die Schwachen, wenn die Starken feige werden?
Arschengel im Kittel – und die Patienten, die darunter leiden
Ich nenne die Dinge für viele, wie sie sind und ich glaube ich habe noch nie einen Artikel in solch einem Ton verfasst. Es gibt Pflegekräfte, die sind wirklich wahre Engel. Über die freuen sich Patienten, weil sie mit dazu beitragen, dass alles in der Behandlung zur Nebensache wird. Und es gibt Arschengel. Menschen, die mit einer Mischung aus Überforderung, Ego und Eiseskälte handeln. Manchmal frage ich mich, ob sie vergessen haben, warum sie diesen Beruf gewählt haben. Und vor allem: ob sie wissen, dass jede falsche Entscheidung, jede Nachlässigkeit, jede Laune über unser Leben entscheidet. Wir Dialysepatienten – wir können nicht einfach gehen, wenn uns etwas nicht passt. Wir sind abhängig. Wir sind gefesselt an die Maschine. Wir liegen da, stundenlang, über Jahre hinweg. Und wir spüren jede Demütigung stärker als jeder gesunde Mensch, weil wir ohnehin schon kämpfen. Jeden Tag.
Wenn dann noch jemand kommt und sagt: „Dann behandeln wir Sie eben nicht“ – nur weil man auf Missstände hinweist – dann ist das kein Konflikt mehr. Dann ist das Missbrauch von Macht. Dann ist das menschenverachtend. Dann ist das gefährlich. Und dann muss man reden. Und ich rede.
Wir sind mehr als Patienten – auch wenn das viele vergessen
Was viele nicht begreifen: Wir Dialysepatienten sind nicht nur Körper, die an Maschinen hängen. Wir sind Menschen. Mit Alltag. Mit Würde. Mit Träumen. Mit einem Leben, das wir gerne leben würden
– auch wenn es schwer ist. Aber genau das wird ständig übersehen.
Wir wollen das, was alle anderen auch selbstverständlich haben: ein Tag ohne Angst, ein Morgen ohne Kampf, ein Leben ohne das Gefühl, als Belastung zu gelten. Doch oft wird so getan, als wäre
unser Menschsein ein Luxus, als müsse man dankbar dafür sein, überhaupt atmen zu dürfen.
Und wenn wir sagen, dass wir mehr sind als Laborwerte?
Mehr als Harnstoff, Kalium, Restharn?
Mehr als „der schwierige Patient“, „der fordert“, „der schreibt“, „der denkt“?
Dann wird geschwiegen. Dann wird abgewunken. Dann wird mit den Augen gerollt.
Es ist unglaublich, wie schnell man uns reduziert – auf Funktion, auf Gehorsam, auf Stillsein. Als wären wir keine Menschen mit Bedürfnissen, Gefühlen, Identität. Man rettet unseren Körper – aber das Leben dahinter? Unser Alltag, unser Menschsein, unser Recht, ernst genommen zu werden? Das bleibt auf der Strecke. Immer wieder. Immer noch.
Der Alltag als weiterer Gegner – Vermieter, Behörden, Kälte
Was mich besonders betroffen macht: Dass wir selbst im Alltag kämpfen müssen, obwohl man schon mit dem Überleben genug zu tun hat. Ich denke an das Verhältnis zur Wohnungsverwaltung, das auch viele betrifft. Früher Verständnis. Heute Kälte. Früher Hilfe. Heute Abwehr. Früher eine Tür, die aufging. Heute eine Tür, die man verschließen will – ausgerechnet die Tür, die man als schwerbehinderter Mensch braucht. Lichtanlagen, die ausfallen. Zugänge, die versperrt werden. Und wenn man etwas sagt, wird man plötzlich der Querulant. Der Störer. Der „Problemfall“.
Dabei fordere wir nicht Luxus. Wir forderen das, was jeder Mensch verdient: Sicherheit. Barrierefreiheit. Respekt.
Die Strafe für Wahrheit: Nachteile
Heute ist es gefährlich, die Wahrheit zu sagen. Man bekommt Nachteile. Groß und klein. Medizinisch, organisatorisch, zwischenmenschlich. Es ist, als würde Ehrlichkeit ein Makel sein. Sag nichts – und du wirst geduldet. Sag die Wahrheit – und du wirst bekämpft. Ich habe das auch schon am eigenen Leib gespürt. Und ich kenne sehr viele, denen es genauso geht.
Wären wir ruhig, wären wir angepasst, wären wir gehorsam – wir hätte weniger Probleme. Aber ich wäre als Beispiel nicht mehr ich.
Und ich habe nie gelernt, still zu sein, wenn Unrecht geschieht.
Was viele nicht verstehen
Viele derer, die uns klein machen wollen, haben ein ganz
normales Leben.
Sie gehen nach Schichtende nach Hause.
Sie schlafen.
Sie laufen Treppen.
Sie duschen, ohne Angst zu stürzen.
Sie planen Urlaube.
Sie genießen Alltag.
Wir dagegen?
Wir kämpfen an Tagen, an denen sie entspannen.
Wir überleben an Tagen, an denen sie sich beschweren.
Wir müssen dankbar sein für Selbstverständlichkeiten, die sie nicht einmal sehen.
Und dann kämpfen sie zusätzlich gegen uns.
Warum?
Weil wir sprechen.
Weil wir benennen.
Weil wir nicht schweigen.
Ein nachdenkliches Ende – ein Bild für alle, die uns klein machen wollen
Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer Kerze.
Sie brennt schwach, weil Wind von allen Seiten kommt.
Krankheit ist Wind.
Erschöpfung ist Wind.
Dialyse ist Wind.
Und dann – anstatt ihre Hand über die Kerze zu halten, um sie zu schützen –
pusten Menschen ins Licht.
Pflegekräfte, Vermieter, Bürokraten, die vergessen haben, dass dieses Licht ein Mensch ist.
Und wenn die Kerze flackert und fast erlischt, sagen sie:
„Warum ist die Flamme so schwach?“
Vielleicht…
weil zu viele pusten
und zu wenige schützen.
Wenn dieser Artikel eines soll, dann das:
Dass diejenigen, die uns das Leben zusätzlich schwer machen, einmal darüber nachdenken,
dass wir Dialysepatienten nicht nur kämpfen,
sondern überleben.
Täglich.
Stündlich.
Manchmal gegen die Krankheit –
und manchmal viel trauriger:
gegen die Menschen.
Martin G. Müller – Spektrum Dialyse
Dies ist eine Kolumne als Kommentar keine Anschuldigung und ist durch Art. 5 GG – Meinungsfreiheit und Pressefreiheit geschützt!
„Ich habe es genauso erlebt – dein Text spricht eine offene Wunde an.“
„Ich dachte, so etwas gäbe es nicht – dein Text hat mich erschüttert.“
„Ich hatte Glück – aber was du beschreibst, existiert. Und es ist Machtmissbrauch.“
„Wir müssen reden – nicht schweigen. Für uns und für die, die es nicht können.“
„Danke, dass du den Mut hast, das auf den Punkt zu bringen.“
Mehrere kurze Rückmeldungen zusammengefasst:
„In anderen Ländern geht es – warum nicht bei uns?“
„Wir sind an einer Produktionsanlage – und nicht als Menschen gesehen.“
„Ich bin dankbar, dass ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht habe.“
„Ich konnte den Text nicht zu Ende lesen – zu nah an meiner eigenen Realität.“
„Ich wusste nicht, dass es so schlimm sein kann – aber offenbar gibt es diese Realität.“
„Nicht jeder erlebt Schlechtes – aber Missstände müssen trotzdem benannt werden.“
„Manchmal sind es auch die Patienten, die rücksichtslos sind.“
„Strukturen, nicht Menschen, sind das Problem.“
„Ich bin absolut bei dir – ich habe genau das erlebt.“
„Ich hatte das Gefühl, du liest meine Gedanken.“