
Ich stehe in der Kirche und mit dem Lied „Stille Nacht heilige Nacht“, endet der Gottesdienst mit Krippenspiel. Im Anschluss steige ich in mein Auto und fahre nach Hause.
Da angelangt schließe ich die Haustür zum Mietshaus meines Vaters auf und steige die Treppen herauf. Ich schließe die Tür auf und sogleich durchläuft meine Nase, der köstliche Essensduft. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Die Wohnung ist Hecktisch und in den letzten Zügen der Essenszubereitung. Ich höre Tina rufen, „Gerhard komm mol und bring mol.“
Papa huscht im guten Anzug, Hemd und Krawatte mit Wein zum Tisch und ist beschäftigt.
In der Küche werkeln meine Stiefmutter Tina und Lisa Ihre Enkeltochter, am Essen. Im Ofen backen die Pasteten. Auf der Herdplatte steht das Hühnerfrikassee, mit Weißwein, Worcestershiresauce und etwas Zitrone drin. Ich könnte darin Baden. Mein totales Lieblingsessen! Benachbart stehen die traditionellen Schweinelendchen in Pilzrahmsoße. Dazu Pommes, für die Papa zuständig ist und Bohnensalat mit Speck, sowie Sellerie-/und Karottensalat aus dem Glas. Gewiss könnte man letztere Salate frisch fertigen, aber wir mögen es alle so. Tina ruft laut durch die Wohnung „Lisa komm, die Salat ins Wohnzimmer tragen“. Der Grüne Salat mit Croûtons ist gewissermaßen die erste Vorspeise.
Tina hat ihre gute weiße Bluse an. Papa und wir albern und wetten im Spaß, wann die Bluse den ersten Fleck hat. Denn für Kleckern ist Tina bekannt. Als Antwort bekommen wir auf solche Neckereien; „Ach hör doch auf geh runter, ist doch meine Frau!“ oder so ähnlich. Keiner versteht den Sinn des Spruches wirklich, aber alle lachen. Papa gießt noch rasch die Getränke ein, ich habe mein „7Up“, alle anderen Wein oder Bier. Der Tisch ist mit brennenden Kerzen, dem guten Geschirr und Besteck sowie viel Liebe eingedeckt.
Neben mir steht die Krippe, die Papa 1992 für Tina gebaut hatte. Sie hatte wohl nie eine schöne Krippe und wünschte sich eine. Lisa gefällt sie auch sehr. Ich nannte die Krippe wegen ihrer Größe immer etwas spöttisch „Hotel zur Krippe!“ Papa war jedoch auf sein Bauwerk sehr stolz und auch mich beeindruckte es, mit wie viel Liebe zum Detail auch im Kleinen, er sie erschaffen hatte. Über Wochen glich die Küche, damals in der Bauzeit, einer Werkstatt.
Wir beginnen nun den Salat zu essen. Neben mir sitzt links Tina, mein Vater, Lisa und ich. Im Moment ist erst mal Stillschweigen, alle essen. Die erste Runde hat Tinas Bluse und die Tischdecke fleckenfrei durchstanden.
Nun kommen die Pasteten! Der Geschmack unvergesslich! Daran weiß man, heute ist Weihnachten. Manchmal gibt es auch Schweinefilet mit Speckmantel im Blätterteig. Aber Pastete mag ich lieber! Alles isst erneut still. Im Grunde wäre ich jetzt schon gesättigt.
Wir räumen das Geschirr weg, legen eine kleine Pause ein, bevor die Schweinelendchen in Pilzrahmsoße, mit Pommes und den Salaten serviert werden. Papa, Tina und Lisa helfen das Essen aufzutischen. In der Folge von drei Schweinelendchen mit Soße Pommes und dem Salt habe ich, wohl wie alle, das Gefühl zu platzen.
Als alle fertig mit essen sind, räumen wir ab und bewegen uns. Nun machen die Raucher eine Zigarettenpause. Wir sitzen da reden ein wenig und entdecken, die Bluse von Tina ist immer noch fleckenfrei! Papa stichelt in seiner gewohnten Art und hämischen Grinsen, Lisa lästert und sagt, Oma, das kann nicht mehr lange gut gehen. Nach der Zigarettenpause erfolgt die Bescherung. Tina lacht in ihrer herzlichen Art.
Wir stehen nun alle gut gekleidet im Halbkreis vorm Tisch. Rechts strahlt die Krippe, links der Tannenbaum. Den hat Papa wie immer reichhaltig und schön geschmückt. Die goldenen Kugeln mit Lametta, Vögeln, goldenen Girlanden, werden von der Lichterkette mit den drei Flammen beleuchtet. Papa stellt die Musik an und wir singen, wie jedes Mal gemeinschaftlich mit Heintje, „Ihr Kinderlein kommet“, „Oh Du fröhlicher“, „Stille Nacht“ und „Oh Tannenbaum“. Schließlich erfolgt die Bescherung. Papa gibt Tina einen Kuss auf den Mund und alle wünschen sich frohe Weihnachten. Bei der Umarmung riecht man bei Tina ihr „Trésor“ Parfüm und bei Papa sein Rasierwasser „Davidoff Cool Water“. Düfte, die ich nie aus der Nase verlieren, werde. Wir bekommen unsere Geschenke, Selbstgebackenes in einer Tüte mit Schokolade Nüssen, Mandarinen und Geldkuvert. Nun beseitigen wir das Geschenkpapier, Papa bringt es auf den Balkon. Nach einer weiteren Zigarettenpause gibt es Dessert. Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Sahne. LECKER ….!
Anschließend an das Gute Essen habe nicht nur ich ein explodierendes Völlegefühl. Papa steht auf und fragt in die Runde, wer will einen Verdauungsschnaps? Ich lehne ein klein wenig nicht ab. Papa schenkt ein, dreht sich um und stellt die Flasche in den Schrank zurück.
Eigentlich möchte ich nun trinken, aber plötzlich wird alles grau und dunkel um mich. Alles löst sich mehr und mehr auf und verschwindet. Der Tisch ist leer, kein Essen keine Personen, kein Licht, keine Krippe, kein Baum, alles ist weg!
Ich sitze alleine in der Wohnung, die auch nicht mehr so geordnet ist wie eben noch. Ich sitze am Tisch und erfasse, alles war nur eine wundervolle Erinnerung.

Im letzten Monat ist sieben Jahre nach Tina, Papa gestorben. Ich stehe vom Tisch auf, dessen Umrisse ich nur durch die Straßenlaterne im Dämmern erblicke, ziehe mich an und verlasse letztmalig nach 32 Jahren, an Heiligabend diese Wohnung. Ich gehe schweigend, mit einem emotionalen Klos im Hals und Tränen in den Augen, zu meinem ersten einsamen Weihnachten nach Hause. Zukünftig bleiben mir nur solche schönen Erinnerungen und die Gewissheit, Tinas Bluse und die Tischdecke, hatten am Ende immer Flecken. :-D
Martin G. Müller
Dezember 2019