Was bedeutet das neue Gesundheitsspargesetz für die Dialyseversorgung?

Wie ein Gesetz ohne direkte Kürzungen die Versorgung von morgen verändern könnte

Eine Analyse von Martin G. Müller

Spektrum Dialyse 07/2026


Wer den Entwurf des neuen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes zum ersten Mal in die Hand nimmt – es werden vermutlich nur wenige Patienten sein –, wird wahrscheinlich zunächst beruhigt sein. Auf über 180 Seiten findet sich kein einziger Paragraph, der ausdrücklich die Dialyse, die Dialysekostenpauschale oder die nephrologische Versorgung verändert. Es gibt keine direkten oder konkreten Hinweise auf Veränderungen der Dialysebehandlung, keine gesetzliche Vorgabe zur Absenkung der Dialysevergütung und auch keine Regelung, die die Dialysebehandlung in Krankenhäusern betrifft.

 

Man könnte also schnell zu dem Schluss kommen: Für uns Patienten ändert sich im Dialysebett zunächst nichts. Doch genau an dieser Stelle lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. Denn Gesetze verändern nicht immer nur das, was ausdrücklich in ihnen steht. Manchmal verändern sie die Rahmenbedingungen. Und genau das ist hier der Fall.

 

Warum das Gesetz zunächst harmlos wirkt

 

Das neue Gesetz spart nicht direkt an der Dialyse. Es setzt vielmehr einen finanziellen Deckel auf die Ausgaben, die künftig für die medizinische Versorgung insgesamt zur Verfügung stehen. Steigen die tatsächlichen Kosten schneller als dieser finanzielle Rahmen, entsteht wirtschaftlicher Druck. Genau davor warnen bereits heute sowohl der Bundesverband Niere e. V. (BN e.V.) als auch der Berufsverband der Nephrologinnen und Nephrologen (DN e.V.).

 

Es ist ungefähr so, als würden Sie sich die Baupläne für ein Haus ansehen. Wände und Dach sehen hervorragend aus. Alles wirkt perfekt geplant. Erst als das Haus fertig ist und die ersten Menschen einziehen, zeigt sich, dass die tragenden Leitungen zu klein dimensioniert wurden. Auf dem Papier war davon nichts zu erkennen – die Probleme entstehen erst im Alltag.

 

Warum macht die Bundesregierung das überhaupt? Dahinter steckt zunächst ein nachvollziehbarer Gedanke. Die gesetzlichen Krankenkassen erhalten ihr Geld aus den Beiträgen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Steigen die Löhne in Deutschland beispielsweise um drei Prozent, nehmen auch die Krankenkassen ungefähr drei Prozent mehr Geld ein. Die Bundesregierung sagt deshalb: Wenn den Krankenkassen nur drei Prozent mehr Geld zur Verfügung stehen, können auch die Ausgaben nicht jedes Jahr um sechs, sieben oder acht Prozent steigen. Andernfalls müssten die Krankenkassenbeiträge immer weiter erhöht werden. Genau das soll mit diesem Gesetz verhindert werden.

 

Wo die eigentliche Finanzierungslücke entsteht

 

An diesem Punkt beginnt jedoch die eigentliche Diskussion. Denn die Kosten in einer Dialyseeinrichtung richten sich nicht nach der Grundlohnrate (also der durchschnittlichen Lohnentwicklung in Deutschland). Pflegekräfte möchten zu Recht ihren Tariflohn erhalten, Energie wird teurer, Dialysefilter, Medikamente, Wasseraufbereitung und medizinische Technik kosten jedes Jahr mehr. Diese Preissteigerungen lassen sich nicht einfach wegdiskutieren. Wenn die Einnahmen der Dialysezentren jedoch langsamer wachsen als ihre tatsächlichen Ausgaben, entsteht zwangsläufig eine Finanzierungslücke. Das ist die elegante Sparvariante: Man kürzt nicht sichtbar, sondern lässt die Kosten schneller davonlaufen als die Vergütung.

 

Im Grunde ist das im Privaten nicht anders. Stellen Sie sich vor, Ihre Miete und die Lebensmittelpreise steigen um 10 %, Ihr Chef gibt Ihnen aber gnädigerweise nur 3 % mehr Lohn – weil das gerade dem nationalen Durchschnitt entspricht. Anschließend klopft er Ihnen noch auf die Schulter und sagt: „Sie haben doch jetzt mehr Geld auf dem Konto.“ Tatsächlich rutschen Sie jedoch Monat für Monat weiter ins Minus.

 

Bis hierhin klingt vieles nach trockener Gesundheitspolitik. Doch Gesetze wirken nie im luftleeren Raum. Sie treffen immer auf ein bestehendes Gesundheitssystem. Und genau deshalb lohnt sich nun ein kurzer Blick darauf, wo wir als Patienten heute bereits stehen.

 

Ein viel zitierter Satz lautet bei nahezu jeder Gesundheitsreform: „Dem Patienten werden dadurch keine Nachteile entstehen.“ Diejenigen, die das regelmäßig behaupten, könnten inzwischen ganze Neuauflagen von Grimms Märchen verfassen. Denn schauen wir uns doch einmal die Realität an: Einen Termin beim Facharzt zu bekommen, dauert heute oft Monate, bei einem Psychologen nicht selten länger als ein Jahr. Auch auf einen Termin in der Physiotherapie warten Patienten häufig monatelang. Komplexe Patienten werden immer häufiger abgelehnt. In vielen Praxen ist das Telefon dauerhaft besetzt oder es geht überhaupt niemand mehr ans Telefon. E-Mail-Anfragen bleiben unbeantwortet oder gehen verloren. Das ist die Realität, in der wir uns heute befinden.

 

Damit keine vermeintlichen Überkapazitäten entstehen, also keine freien Ärzte oder Therapeuten zur Verfügung stehen, wurde es aus meiner Sicht über viele Jahre versäumt, ausreichend Ausbildungs- und Studienplätze zu schaffen. Dabei war seit Jahrzehnten bekannt, dass die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer auf das Gesundheitssystem zukommen würden. Mit ihnen steigen zwangsläufig die Zahl der Patienten und damit auch die Kosten. Irgendwann ist diese notwendige Weitsicht jedoch verloren gegangen.

 

Auf den ersten Blick bleibt also alles beim Alten. Tatsächlich entsteht jedoch ein Problem, das zunächst kaum sichtbar ist. Steigen in den kommenden Jahren Personal-, Energie-, Material- und Hygienekosten schneller als die Vergütung, verliert die bestehende Dialysekostenpauschale automatisch an Wert. Auf dem Papier bleibt zwar alles gleich. In der Realität können sich die Dialysezentren von derselben Vergütung jedoch immer weniger leisten. Genau das ist eine Form des Sparens, die Patienten zunächst kaum bemerken.

 

Was das für kleinere Dialysepraxen bedeuten könnte

 

Mit Blick in die Zukunft vermute ich, dass das eigentliche Risiko vor allem bei kleineren, inhabergeführten nephrologischen Praxen liegt – dort, wo der Arzt seine Patienten seit Jahren beim Vornamen kennt. Sie verfügen über weniger Einkaufsmacht, kleinere Personalreserven und haben deutlich weniger Möglichkeiten, Verwaltungs- und Betriebskosten auf mehrere Standorte zu verteilen. Gleichzeitig müssen auch sie qualifiziertes Fachpersonal finden, technische Anlagen unterhalten sowie sämtliche Qualitäts- und Hygienevorgaben erfüllen. In vielen Dialysepraxen stehen beispielsweise noch Gambro AK 200-Dialysegeräte, oder andere Geräte die teils seit mehr als 20 Jahren im Einsatz sind.

 

Wenn Wirtschaftlichkeit zum Maßstab wird

 

Wachsen Vergütung und Dialysekostenpauschale künftig nicht im gleichen Maß wie die tatsächlichen Kosten, sind aus meiner Sicht – man möge mir gerne widersprechen – folgende Entwicklungen denkbar: die Aufgabe kleiner Standorte, der Verkauf an größere Anbieter oder Zusammenschlüsse zu Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Wer künftig über Personal, Behandlungsspielräume und Öffnungszeiten entscheidet, sitzt dann zunehmend weiter entfernt. Die Folge wären möglicherweise eine weniger wohnortnahe Versorgung, längere Fahrzeiten zur Dialyse und eine geringere Trägervielfalt für die Patienten.

 

Für einen Dialysepatienten, der nach vier oder fünf Stunden Behandlung kreislaufbedingt völlig erschöpft ist, macht es einen gewaltigen Unterschied, ob er nach zehn Minuten zu Hause ist oder noch eine Stunde quer durch den Landkreis transportiert werden muss. Gleichzeitig erschwert dies die Organisation des Krankentransports. Lange Fahrzeiten binden Fahrzeuge und Personal deutlich länger, sodass Transportunternehmen solche Fahrten aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend ablehnen könnten. In manchen ländlichen Regionen sind Sammeltransporte zudem gar nicht möglich. Gleichzeitig würden an anderer Stelle die Fahrtkosten der Krankenkassen steigen. Ein Teil der vermeintlichen Einsparungen würde dadurch möglicherweise wieder aufgezehrt. Genau dieses Muster kennen wir aus früheren Gesundheitsreformen nur allzu gut. Man könnte diesen Mechanismus fast mit dem Filmtitel „Und täglich grüßt das Murmeltier“ überschreiben.

 

Eine weitere Entwicklung halte ich infolge dieses Gesetzes für durchaus möglich. Sie könnte uns Dialysepatienten an der Basis unmittelbar betreffen. Viele Krankenhäuser betreiben heute noch eigene Dialyseabteilungen. Diese verursachen hohe Personal- und Investitionskosten. Gleichzeitig stehen viele Kliniken selbst unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Deshalb könnte für manche Häuser künftig ein anderes Modell attraktiver werden. Die Dialyse bliebe räumlich zwar weiterhin im Krankenhaus, den eigentlichen Betrieb würde jedoch ein spezialisierter Anbieter wie KfH, PHV, DaVita oder NephroCare übernehmen.

 

Für den Patienten würde sich zunächst kaum etwas verändern. Er fährt weiterhin in dasselbe Krankenhaus, sitzt auf demselben Dialyseplatz und wird möglicherweise sogar von denselben Pflegekräften betreut. Lediglich der Name des Betreibers auf dem Türschild hätte gewechselt.

 

Für das Krankenhaus hätte ein solches Modell jedoch erhebliche wirtschaftliche Vorteile. Es müsste weniger Personal finanzieren, weniger in die Dialyse investieren und würde gleichzeitig Mieteinnahmen für die genutzten Räume erzielen. Solche Kooperationsmodelle gibt es bereits heute. Unter zunehmendem wirtschaftlichem Druck könnten sie künftig jedoch häufiger werden.

 

Etwas anders stellt sich die Situation an Universitätskliniken dar. Dort dient die Dialyse nicht nur der Behandlung von Patienten. Sie ist zugleich Ausbildungsstätte für Ärzte und Pflegekräfte sowie Bestandteil von Forschung und Lehre. Deshalb halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass Universitätskliniken ihre nephrologischen Abteilungen vollständig auslagern werden. Denkbar sind jedoch Kooperationsmodelle, bei denen die chronische Standarddialyse von einem spezialisierten Anbieter übernommen wird, während Akutdialyse, Intensivmedizin, Transplantationsmedizin sowie Forschung und Lehre weiterhin in universitärer Verantwortung bleiben. Gerade die enge Verzahnung von Patientenversorgung, Forschung und Ausbildung macht Universitätskliniken in diesem Bereich zu einem Sonderfall.

 

Spannend ist auch eine weitere Neuerung des Gesetzes, die auf den ersten Blick gar nichts mit der Dialyse zu tun hat. Künftig soll es möglich sein, teilweise arbeitsunfähig zu sein und dennoch teilweise zu arbeiten. Gerade jüngeren Dialysepatienten eröffnet dies durchaus neue Chancen. Wer morgens oder mittags dialysiert, könnte vor oder nach der Behandlung noch einige Stunden arbeiten, ohne vollständig aus dem Berufsleben auszuscheiden. Das klingt zunächst sinnvoll.

 

Gleichzeitig entsteht hier jedoch ein Widerspruch. Denn gerade die Patienten, die künftig stärker am Arbeitsleben teilhaben sollen, sind auf möglichst flexible Dialysezeiten angewiesen. Schon heute sind Abend- und Spätschichten vielerorts knapp, weil Personal fehlt und der wirtschaftliche Druck steigt. Werden Schichten zusammengelegt oder Standorte geschlossen, könnte ausgerechnet diese notwendige Flexibilität weiter verloren gehen. Die politischen Ziele und die Versorgungsrealität würden damit zunehmend auseinanderlaufen.

 

Eine weitere Frage wird sich in Zukunft stellen: Wird irgendwann an der Dialysezeit selbst gespart? Rechnerisch wäre dies durchaus verlockend. Über die Schiene der „Grünen Dialyse“ ist ein solcher Prozess – wenn auch mit einer anderen Zielsetzung – bereits angestoßen worden. Dialysiert ein Patient nur noch drei statt vier Stunden, wird die Maschine früher frei und es könnten mehr Patienten behandelt werden. Bei älteren Patienten geschieht dies mancherorts bereits mit der Begründung einer körperlichen Entlastung. Wie auf Kongressen schon erwähnt wurde.

 

Medizinisch wäre eine pauschale Verkürzung der Dialysezeit jedoch hochproblematisch. Eine schlechtere Entgiftung, größere Flüssigkeitsprobleme, häufigere Krankenhausaufenthalte und langfristig möglicherweise auch eine höhere Sterblichkeit könnten die Folge sein. Einen Hinweis darauf, dass die Bundesregierung eine solche Entwicklung plant, gibt der Gesetzentwurf nicht. Dennoch könnte sich ein anderer Effekt einstellen. Der wirtschaftliche Druck könnte dazu führen, dass künftig häufiger nur noch die wirtschaftlich und medizinisch gerade noch ausreichende Mindestversorgung angeboten wird, anstatt individuelle längere Dialysezeiten zu ermöglichen. Gerade diese Entwicklung wäre für Patienten wesentlich schwerer zu erkennen als eine offen beschlossene Kürzung.

 

Angesichts der alternden Bevölkerung, der geburtenstarken Babyboomer sowie des zunehmenden Mangels an Pflegekräften und Ärzten erscheint ein solcher Gedanke zumindest nicht völlig unrealistisch.

 

Welche Folgen Patienten spüren könnten

 

Je länger ich mich mit diesem Gesetzentwurf beschäftigt habe – vieles habe ich als Patient selbst gar nicht verstanden –, desto deutlicher wurde mir, dass sich weniger einzelne Leistungen verändern als vielmehr die grundsätzliche Denkweise im Gesundheitswesen. Früher lautete die entscheidende Frage häufig: „Welche Behandlung braucht dieser Patient?“ Heute lautet sie immer öfter: „Wie kann dieselbe Behandlung wirtschaftlicher erbracht werden?“

 

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Auch unser Gesundheitssystem muss wirtschaftlich arbeiten. Problematisch wird es jedoch dann, wenn sich medizinische Entscheidungen immer stärker an wirtschaftlichen Vorgaben orientieren und nicht mehr die Wirtschaftlichkeit der Medizin folgt.

 

Ich habe in meinem Leben viele Gesundheitsreformen erlebt. Keine hat bis heute zu einer wirklichen Verbesserung für die Patienten geführt. Die Politik wird mir vielleicht widersprechen. Auch die Krankenkassen wurden dadurch immer nur kurzfristig entlastet. Dort, wo gespart wurde, entstanden später an anderer Stelle neue Kosten. Im Bundeshaushalt sieht das zunächst gut aus: Ein Kostenpunkt fällt weg oder wird kleiner, das politische Ziel scheint erreicht. Dass an anderer Stelle dadurch neue oder sogar höhere Ausgaben entstehen, gerät dagegen kaum in den Fokus der Debatte. Und wenn doch nennt man sie Einzelfälle.

 

Dabei habe ich inzwischen den Eindruck, dass man im Gesundheitssystem gar nicht mehr genau weiß, was man eigentlich versorgt. Irgendwann hat man die eigentliche Wunde erkannt und mit dem Gesundheitssystem ein notwendiges Pflaster aufgeklebt, um gezielt zu helfen. Im Laufe der Jahre kamen immer neue Pflaster hinzu. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass man gar nicht mehr weiß, wie die eigentliche Wunde überhaupt aussieht.

 

Vielleicht wäre es an der Zeit, diese Pflaster einmal vorsichtig abzunehmen und die unnötigen Mehrkosten im System ehrlich zu hinterfragen. Im Gesundheitswesen wird durch starre Vorgaben und Bürokratie an vielen Stellen Geld ausgegeben, ohne dass die Patienten davon profitieren. Genau dort sollte man ansetzen.

 

Warum Sparen oft neue Kosten erzeugt

 

Ein Beispiel kenne ich aus eigener Erfahrung: Seit Kliniken viele Rezepte nicht mehr selbst ausstellen dürfen, müssen Patienten zunächst zum Hausarzt und anschließend häufig wieder in die Hochschulambulanz, um ihre notwendige Verordnung zu erhalten. Allein dieser zusätzliche Weg verursacht nach meinen Informationen pro Patient Kosten von mehreren hundert Euro – ohne dass sich die Versorgung verbessert.

 

Ähnlich ist es bei Impfungen. Werden Impfangebote in der Klinik gestrichen, muss der Patient stattdessen zum Hausarzt. Auch dadurch entstehen zusätzliche Kosten, ohne dass ein erkennbarer Nutzen entsteht. Dass Hausärzte zudem keine Klinikpackungen verordnen dürfen, obwohl diese bei einem hohen Medikamentenbedarf oft deutlich günstiger wären als mehrere Kleinpackungen, ist ein weiteres Beispiel.

 

Das ist absurd. Es ist in etwa so, als müsste ich meiner Bank jedes Mal 50 € Bearbeitungsgebühr bezahlen, damit sie überhaupt prüft, ob ich einen Einkauf über 10 € tätigen darf. Das System verbrennt Geld, das am Krankenbett fehlt.

 

Das sind nur drei Beispiele. Ich könnte diese Liste nahezu beliebig fortsetzen. Genau dort würde ich ansetzen, wenn von wirtschaftlichem Arbeiten im Gesundheitswesen gesprochen wird. Nicht bei der medizinischen Versorgung der Patienten, sondern bei den vielen unnötigen Kosten, die das System selbst verursacht.

 

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Hilfsmitteln. Künftig sollen Preise und Festbeträge regelmäßig überprüft werden. Ziel ist es, Wirtschaftlichkeitsreserven zu nutzen und unnötige Ausgaben zu vermeiden. Die eigentliche Frage lautet jedoch: Wer soll das alles eigentlich prüfen? Schon heute fehlen Mitarbeiter bei Krankenkassen, Sanitätshäusern und Arztpraxen. Jede zusätzliche Prüfung bedeutet mehr Bürokratie. War es nicht gerade das Ziel der Bundesregierung, diese unnötige Bürokratie abzubauen?

 

Mehr Bürokratie bedeutet häufig auch längere Bearbeitungszeiten. Für Patienten kann das wiederum bedeuten, dass sie auf dringend benötigte Hilfsmittel länger warten müssen. Das Problem liegt deshalb weniger in der Idee einer Wirtschaftlichkeitsprüfung als vielmehr in ihrer praktischen Umsetzung.

 

Ich frage mich allerdings manchmal, wo dieses Land heute stehen würde, wenn politische Entscheidungen häufiger über den Tellerrand hinaus gedacht würden – nicht nur bis zur nächsten Reform, sondern viele Jahre in die Zukunft. Länder wie China planen oft langfristig und verfolgen ihre Ziele über Jahrzehnte. Warum gelingt uns das in Deutschland und Europa so selten? Denn eines scheint doch sicher: Die nächste Gesundheitsreform mit ganz ähnlichen Problemen steht vermutlich schon vor der Tür. Wahrscheinlich schneller, als viele heute glauben.

 

Was bedeutet all das nun für Dialysepatienten? Nach meiner Einschätzung wird sich zunächst kaum etwas verändern. Niemand wird morgen feststellen, dass seine Dialyse plötzlich kürzer geworden ist oder sein Dialysezentrum geschlossen wurde. Die eigentliche Entwicklung wird – wenn überhaupt – schleichend erfolgen. Wirtschaftlicher Druck auf private Dialysezentren, eine stärkere Ausbreitung großer Anbieter, Kooperationen zwischen Krankenhäusern und Dialyseunternehmen, hoffentlich eine stärkere Förderung der Heimdialyse oder eine kritischere Überprüfung stationärer Versorgungsstrukturen sind Entwicklungen, die ich durchaus für möglich halte.

 

Warum Dialysepatienten kaum protestieren

 

Das alles führt für mich zu einer entscheidenden Frage: Wenn ich all diese Entwicklungen betrachte – kleine Praxen verschwinden, Fahrwege werden länger, Schichtpläne werden immer enger, die Behandlungsqualität könnte unter wirtschaftlichem Druck leiden und die Bürokratie behandelt den Patienten zunehmend wie einen Bittsteller –, warum gehen die Dialysepatienten hier nicht selbst auf die Barrikaden? Es betrifft immerhin mehr als 100.000 Patienten. Warum brennt da nicht die Luft beim Gesundheitsministerium?

 

Dass sich Dialysepatienten trotz dieser Entwicklungen nur selten selbst öffentlich gegen Veränderungen im Gesundheitssystem wehren, überrascht eigentlich nicht. Bereits vor über zwanzig Jahren wiesen Medizinethiker darauf hin, dass chronisch Kranke in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis zum Gesundheitssystem stehen. Gerade diese Abhängigkeit führe dazu, dass viele Betroffene ihre Interessen nicht mehr offen vertreten möchten, weil sie ihre lebensnotwendige Versorgung vor Ort nicht durch offene Kritik oder Konflikte gefährden wollen. Genau dieses ohrenbetäubende Schweigen erleben wir heute an den Dialysebetten mehr denn je. Das System nutzt meiner Meinung nach dieses Schweigen und diese Angst – bewusst oder unbewusst – schamlos aus, um kritischen Diskursen von vornherein den Nährboden zu entziehen.

 

Eine gesellschaftliche Frage

 

Wenn wir als Gesellschaft akzeptieren, dass lebensrettende Medizin heute nach denselben wirtschaftlichen Effizienzkriterien gesteuert wird wie eine Automobilfabrik – ab welchem Punkt beginnt eine stille Rationierung von fremder Lebenszeit? Ein Gedanke, dem man genauer nachgehen müsste.


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Reaktionen auf den Artikel - seit 19.07.2026

  • Sie haben sich sehr viel Mühe gegeben. Vielen Dank dafür. Ja es wird kleine Praxen treffen. Allein schon die Zuzahlungen für Medikamente wird für viele eine Herausforderung. Was mich ärgert, dass war alles vorhersehbar. Die Schliessung von Krankenhäuser und einzelnen Stationen werden die Menschen zu spüren bekommen. Das ist nicht wirklich durchdacht. Und ich fürchte, dass Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht
  • Messerscharf analysiert und einen der letzten Punkte...Warum Dialysepatienten kaum protestieren finde ich besonders beachtlich. Ich persönlich werde nie verstehen, warum vieles einfach hingenommen wird und vor allem kaum hinterfragt wird. Aktuell selbst noch erlebt bzgl. einer geplanten Katarakt-OP, dessen dringende Indikationvon 2 unabhängigen Augenärzten bestätigt wurde, natürlich mit der dringende Empfehlung für eine bestimmte Augenklinik. Aufgrund persönlicher Bedenken und einem komischen Bauchgefühl jetzt 3 verschiedene Optiker aufgesucht und jeweils einen ausgiebigen Sehtest plus eine programmgesteuerte Vermessung machen lassen, die hervorgebracht hat, dass mit einer Anpassung der Gläser eine Sehleistung von 80% zu erreichen ist, aber mit OPs verdient man halt mehr Geld, ein mögliches Risiko übernimmt der Patient mit seiner Einverständniserklärung dann ja auch selbst und wenn dann was passiert, hat man halt Pech gehabt, passiert ja nur bei 1 von 10000.
  • Ich muss wohl auswandern wenn ich leben will und besonders für meinen Mann der eine schwere herzinsuffienz hat.
  • Ich muss jetzt schon 45 Minuten Fahrzeit in Kauf nehmen um zu meinem Nephrologen zu kommen. Die einzige nephrologische Praxis hier in der Nähe, hatte mich vor drei Jahren abgelehnt. Sollte ich später an die Dialyse müssen, wären 1 1/2 Stunden Fahrzeit 3x Woche mein Alltag.
  • Die diabetologische Schwerpunktpraxis hat mich abgelehnt, fahre zum Diabetologen fast 2h, Nephrologe ebenso. Und wohne 5 Fußminuten von einem Diabetes- und Nierenzentrum entfernt. Sowas kann man sich nicht ausdenken.
  • Sehr gut auf den Punkt gebracht! Das gilt nicht "nur" für Deutschland, sondern ist für Österreich ebenso zutreffend! Generell muss man sagen, dass das Wort REFORM in Verbindung mit Gesundheit nach meiner Kenntnis noch nie etwas Gutes gebracht hat! 
  • Vielen Dank für den sehr interessanten Artikel. Ich bin Ihnen immer sehr dankbar, komplexe Themen auf Dialysesituationen herunterzubrechen und so verständlich zu machen.Eine weitere Auswirkung der immer kritischeren Wirtschaftlichkeit von Dialysezentren merkt man auch im Bereich Feriendialysen in Deutschland. Manchmal für uns Dialysepatienten eine kleine Normalität mit der Familie oder Freunden eine schöne, fast unbeschwerte Zeit zu haben, die schon jetzt Herausgprderung bedeutet, wird m.M.immer schwieriger. Finde es sehr traurig