Martin Müller macht anderen trotz schwerer Nierenkrankheit Mut

Verleihung Bundesverdienstmedaille 2016 durch die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann an Martin G. Müller.
Verleihung Bundesverdienstmedaille 2016 durch die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann an Martin G. Müller.

Schon seit seinem siebten Lebensjahr hat Martin Müller eine schwere Nierenkrankheit. Aber der 43-Jährige lässt sich von diesem chronischen Leiden und von den Schmerzen nicht unterkriegen.

Schon in der Jugend gab er Erfahrungen und Ratschläge an Schicksalsgenossen weiter, um trotz aller Einschränkungen, die Nierenkrankheiten mit sich bringen, Lebensmut zu vermitteln.

Müller ist unter anderem Mitgründer des Vereins „Junge Nierenkranke Deutschland“, der Betroffenen und Familien hilft. Das verdiene Anerkennung, sagte Sozialministerin Monika Bachmann, als sie Müller die von Bundespräsident Joachim Gauck verliehene Bundesverdienstmedaille überreichte.

Ziel des „Vereins Junge Niere Saar“ sei es, den Betroffenen und ihren Familien Hilfe anzubieten. Als Vorstandsmitglied plante, organisierte und führte Müller fast zehn Jahre lang aktiv deutschlandweit entsprechende Seminare durch.

In dieser Eigenschaft hatte er auch die Regionalgruppe Saarland gegründet, um vor Ort im Interesse der Betroffenen aktiv zu sein. Des Weiteren engagierte er sich im Vorstand des Vereins „Niere Saar“ und führte auch für ältere Nierenkranke Seminare und Informationsveranstaltungen durch. Sowohl dem Verein „Junge Niere“ als auch dem Verein „Niere Saar“ gehören über 700 Selbsthilfegruppen im Saarland an. Sein Engagement in diesem Netzwerk der Selbsthilfe würdige der Bundespräsident mit der Medaillenverleihung.


Im "aktuellen Bericht" des Saarländischen Rundfunk 2012 & 2007


Martin Müller im Potrait beim Saarländischen Rundfunk auf SR3.


„Ich habe Glück. Mit Dialyse kann man leben.“ Magazin Forum

Alle acht Stunden stirbt irgendwo in Deutschland ein Mensch, weil für ihn kein passendes Organ gefunden wird. Auf eine Million Einwohner im Saarland kamen im Vorjahr 15,8 Spender. Viel zu wenig, sagt Martin Müller (40). Der Saarbrücker lebt seit 33 Jahren nur Dank einer künstlichen Niere.

 

Von Anja Landmann

 

Julia nennt er die Maschine, die neben seinem Bett steht. Über dicke Schläuche in seinem linken Arm ist er mit ihr verbunden. „Sie hält mich am Leben“, sagt Martin Müller über den weißen Apparat mit den sich drehenden Rädchen, den Pumpen und Gummiröhrchen, dem großen Monitor und den Zahlen darauf. Julia ist die künstliche Niere des 40-Jährigen. Die eigenen sind kaputt, also muss das Gerät deren Arbeit übernehmen, Müllers Blut filtern, seinem Körper überschüssiges Wasser entziehen.

 

Dreimal pro Woche fährt der Saarbrücker dafür mit dem Krankentaxi nach Püttlingen ins Dialysezentrum. Für vier Stunden wird er dort an die Maschine gehängt. 45 Liter Blut laufen durch sie hindurch, werden von ihr gereinigt. „Nur zum Vergleich: Die beiden Nieren eines gesunden Menschen schaffen in 24 Stunden 180 Liter“, erklärt Müller. Seit mehr als 30 Jahren braucht er die Blutwäsche. „Ich habe Glück. Mit der Dialyse kann man leben. Patienten, die ein Herz, eine Leber oder eine Lunge benötigen, durchstehen mit jedem Atemzug Todesängste.“

 

Und das seien leider viel zu viele. 2011 hätten allein beim Transplantationszentrum Homburg 166 Menschen auf der Warteliste gestanden. Nur 56 seien tatsächlich auch operiert worden.  Bis zu acht Jahre müssten Kranke auf eine Niere warten, 24 Monate auf Leber, Lunge oder Herz. „Manche von uns haben diese Zeit nicht. Sie sterben“, sagt Müller. „Alle acht Stunden einer.“

Auf eine Million Einwohner im Saarland seien im Vorjahr 15,8 Organspender gekommen. „Im Vergleich zum Jahr 2010 ein Rückgang.“ Damals waren es zumindest 20,6 Organspender pro eine Million Einwohner. „Studien zeigen, dass 80 Prozent der Bürger einer Spende positiv gegenüber stehen. Allerdings besitzen nur 20 Prozent einen Ausweis.“ Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit  übrigens größer ein Organ zu erhalten als eines zu spenden.

Müller bekam bereits zwei Nieren eingesetzt. Seine Leidensgeschichte beginnt im Alter von fünf Jahren. „Ich fühlte mich schlapp, habe viel geschlafen, mein Gesicht schwoll an.“ Der Kinderarzt weist den kleinen Martin in eine Klinik ein. „Dort wurden erste Nierenprobleme festgestellt. Allerdings konnten mich die Ärzte stabilisieren.“ Zwei Jahre später verschlimmert sich sein Zustand. Er fühlt sich elend, bekommt immer schlechter Luft. Komplettes Nierenversagen. An der Unikinderklinik legt man ihm einen Halskatheder. Zehn Liter Wasser werden darüber aus dem geschwächten Organismus gepumpt. „Das war ein traumatisches Erlebnis. So etwas vergisst man niemals.“

 

Genauso wenig die Belastungen – für den Jungen, aber auch die für die gesamte Familie. „Ich konnte damals nur in Heidelberg dialysiert werden. Meine Mutter musste also dreimal pro Woche den weiten Weg mit mir zusammen auf sich nehmen. Am frühen Morgen fuhren wir los. Selten waren wir vor Mitternacht wieder zuhause.“ Und dann die langen Klinikaufenthalte. Die Familie war oft und lange getrennt. „Leider ist das heute immer noch so: Saarländische Kinder müssen nach wie vor nach Heidelberg zur Behandlung. Das bedeutet jedes Mal eine Wegstrecke von eineinhalb bis zwei Stunden.“ Betroffene sind damit doppelt gebeutelt – durch die Krankheit einerseits, durch den organisatorischen Kraftakt andererseits.

 

Aber eines hat sich verändert: Die Medizin machte Fortschritte. „Früher konnte man zwei bis drei Jahre mit Dialyse leben. Inzwischen sind es 20, 30 oder sogar 40 Jahre.“ Vorausgesetzt der Kranke verträgt die Behandlung. „Manche haben Probleme mit dem Blutdruck und dem Kreislauf. Nicht jeder hält der psychischen Belastung der Punktion Stand. Außerdem ist da der Druck, nur 500 Milliliter am Tag trinken zu dürfen“, sagt Müller. Geht man mit Freunden weg, so seien eben nicht einfach mal so ein paar Gläschen Wein drin. „Man hält sich den ganzen  Abend über an einem Wasser fest.

 

Feierlichkeiten muss man deshalb planen. Wenn man genau weiß, dass man doch mal mit Sekt anstößt, muss man das Glas an anderer Stelle einsparen. Und nach dem Sport kann man nicht einfach zu einem großen, kalten Getränk greifen.“

 

Denn die Flüssigkeit reichere sich im Körper an, ebenso Stoffe im Blut. Zu viel Kalium etwa entzieht dem roten Lebenssaft den Sauerstoff. Herzrhythmus-Störungen könnten die Folge sein. „Isst du übers Wochenende mal eben zwei oder drei Bananen, die viel Kalium enthalten, kann das dein Tod sein.“

Doch das sei längst nicht die einzige Schwierigkeit mit der die knapp 80.000 Dialyse-Patienten in Deutschland zu kämpfen hätten. „Spontan ein paar Tage verreisen, das ist nicht drin. Der Urlaub muss genau durchdacht sein“, sagt Müller. Man bräuchte ein Ersatz-Dialysezentrum vor Ort oder zumindest in der Nähe. Und: „Du verlässt deine vertraute Umgebung, die Ärzte und Pfleger, die du kennst – und vertraust dein Leben Fremden an. Auch wenn sie genauso gut sein mögen, ist das für viele Patienten eine Belastung. Sie bleiben daheim.“

 

Ein Nierenkranker sei außerdem längst nicht so leistungsfähig wie ein Mensch mit zwei gesunden Organen. „Man möchte Freunden zum Beispiel gern beim Umzug helfen, beim Tapezieren und Streichen. Doch das geht nicht uneingeschränkt. Dadurch fühlt man sich minderwertig und als Mensch unvollkommen.“

 

Müller hat viele Ehen unter dem psychischen Druck zerbrechen sehen. „Der Partner muss mit der Krankheit umgehen können, mit all den Abstrichen. Außerdem kommt es immer wieder zu Spannungen, weil der Gesunde nicht wirklich nachempfinden kann, was der Kranke physisch und psychisch durchmacht.“

 

Zweimal hat Müller die Transplantation gewagt. Zweimal musste er einen herben Rückschlag einstecken: Anfang der 1980er lebte er zwölf Monate lang mit der Niere eines anderen. Eine Lungenentzündung streckte den Jungen nieder. Schließlich hätten die Eltern vor der Wahl gestanden, „ihren Sohn oder die Niere zu retten“. Sie entschieden sich für ihren Sohn. Der nach weiteren zwei Jahren an einer Maschine ein neues Organ transplantiert bekam. Es arbeitete acht Jahre für ihn. Jugendlicher Leichtsinn hätte zur Abstoßung geführt. „Das Problem vieler Teenager. Freunde, Partys, alles war für mich wichtiger als meine Medikamente zu schluckt.“ Er nimmt sie immer unregelmäßiger, mal überhaupt nicht. Das rächt sich. Müller verliert seine Niere.

 

Eine dritte OP schließt er aus. Das Risiko sei zu groß, dass die Leber durch die Medikamente weiter geschwächt würde. „Früher waren die Nebenwirkungen noch stärker als heute. Dadurch hat sie bereits einen Knacks. Ich möchte nicht riskieren, dass ich sie durch Immunsuppressiva nach einer weiteren Operation auch noch verliere.“

 

Müller weiß, dass diese Entscheidung bedeutet, für immer mit der Dialyse zu leben. „Es wird keinen Tag geben, an dem ich nicht darüber nachdenke. Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich an die künstliche Niere gebunden sein.“ Doch er akzeptiert sein Schicksal. „Anderen geht es schlechter“, sagt er tapfer.   

 

Seit zwei Jahren engagiert sich Müller beim Infoteam Organspende Saar, das er ins Leben gerufen und mitgründete hat. Die Mitglieder wollen das Thema Organspende öffentlich machen, es ins Bewusstsein der Menschen rücken. Im Vorjahr verteilten sie den 10.000 Ausweis unter den Saarländern. Am 2. Juni 2012 – dem Tag der Organspende – unterschrieb  Andreas Storm, neuer Gesundheitsminister des Saarlands,  seinen Pass. Müller: „Viele Menschen machen sich zu Lebzeiten keine Gedanken darüber, treffen keine klare Entscheidung. Im schlimmsten Fall stehen später die Angehörigen vor der Frage, ob sie die Organe ihrer Verwandten spenden sollen oder nicht.“ Eine unzumutbare Situation.

 

Vom Vorstoß des Gesundheitswesens, jeder Deutsche solle einmal in seinem Leben mit dem Thema konfrontiert werden und sich entscheiden, hält der Saarbrücker nichts. „Verschickt die Krankenkasse ein entsprechendes Formular an ihre Mitglieder, sind sie deshalb nicht gut informiert. Die Quote an Spendern würde wahrscheinlich nicht steigen.“

 

Stattdessen verfechtet Müller die Widerspruchsregelung. „Wer nicht spenden möchte, sollte das zu Lebzeiten festlegen.“ Er selbst übrigens hat einen Organspendeausweis. Für den Fall der Fälle …


Eine Maschine ersetzt seine Nieren - Saarbrücker Zeitung

Püttlingen. Schon als Kind war Martin Müller zum ersten Mal auf eine Dialysemaschine angewiesen. Später stieß sein Körper zweimal Spenderorgane ab. Aber Müller lässt sich nicht entmutigen. Er macht Schicksalsgenossen Mut und wirbt für Organspenden.

 

Von Marija Herceg

 

Martin Müller (42) hat sich Arbeit mitgebracht. Auf dem Tischchen seines Krankenbetts im Nieren- und Dialysezentrum Püttlingen liegt sein Laptop. Die kommenden fünf Stunden wird Müller im Bett ausharren, während die anderthalb Meter hohe Dialysemaschine sein Blut reinigt. "Du sagst Bescheid, wenn's losgehen kann", ruft Krankenschwester Christine Boesen (39) ins Zimmer und lächelt. "Mach ich. Muss mich noch wiegen", antwortet Müller.

Als er sieben Jahre alt war, versagten seine Nieren das erste Mal. "Ich hatte als Kind oft Angina. Mein Kinderarzt hat es versäumt, mir die Mandeln rausnehmen zu lassen. Irgendwann richtete sich mein Immunsystem gegen meine eigenen Organe. Meine Nieren versagten." An den 27. März 1979 kann er sich gut erinnern: "Da wurde ich das erste Mal - damals noch im Uniklinikum Heidelberg - an eine Dialysemaschine angeschlossen."

Seitdem ist die Krankheit sein ständiger Begleiter, sind Krankenhäuser sein zweites Zuhause. In den vergangenen 35 Jahren hat Müller sich mit "der Krankheit angefreundet. Das mag ungewöhnlichen klingen, aber mit der Maschine, der künstlichen Niere, kann ich leben. Ich genieße den Tag heute und denke nicht über morgen nach." Früher hat ihn seine Krankheit mehr belastet: "Ich musste zwei Klassen wiederholen. Hab' in elf Jahren meinen Hauptschulabschluss gemacht." Danach arbeitete er als Angestellter in der Öffentlichkeitsarbeit der "Deutschen Steinkohle AG". "Mit 24 wurde ich aber berentet. Ich hatte eine psychische Krise. Zwei Jahre, damals lebte ich noch in Eppelborn, verließ ich kaum das Haus." Doch Müller gab nicht auf, sondern zog nach Saarbrücken, und baute sich ein soziales Umfeld auf. Seit 2001 bietet er bundesweit Seminare, hält Vortrage vor Medizinern und Patienten und war zehn Jahre lang Vorstand im Verein "Niere Saar e.V.". Heute betreibt er seine eigene Seite, die Tipps zur Selbsthilfe gibt, "Mut machen soll" und kämpft für die Organspende. 1200-mal wurde der Organspendeausweis von seiner Seite www.spektrum-dialyse.de runtergeladen, sagt er stolz. Der 42-Jährige ist heute auf keiner Warteliste mehr. "Ich hab' 1980 und 1983 zweimal eine Spenderniere bekommen. Die erste Transplantation brachte mich fast zwei Jahre ins Krankenhaus." Mit der zweiten Niere lebte er sieben Jahre lang "gut, bis sie abgestoßen wurde". Seit 24 Jahren kommt er dreimal pro Woche ins Nieren- und Dialysezentrum Püttlingen.

Er kennt jeden, hat Ärzte und Pflegepersonal oft in den Ruhestand verabschiedet. Die Waage zeigt heute 56,5 Kilo. "Ein Kilo wird abgezogen wegen der Kleider. Bleiben noch 55,5. 1,5 Kilo Wasser haben sich gestaut. Die müssen jetzt raus." Bei Gesunden scheiden die Nieren etwa 1,4 Liter Urin pro Tag aus und reinigen den Körper von schädlichen Substanzen. "Mir hat man 1987 beide Nieren entfernt. Ich hab' keine Harnfunktion mehr. Das muss jetzt die Maschine übernehmen." Müller ist leichter und kleiner als der Durchschnittsmann. "Ohne meine Krankheit wäre ich 1,78 Meter groß geworden. Jetzt schaffe ich es auf knapp 1,60 Meter", sagt er.

Seine Stimme klingt hoch, fast kindlich. "Können Sie Blut sehen?", fragt er und krempelt den Ärmel hoch. "Da dehnt sich die Vene", erklärt er, "und da kommen jetzt die Schläuche rein." Dafür braucht er die Krankenschwester nicht. "Ich weiß am besten, wo meine Nerven liegen", sagt er und schiebt mit ruhiger Hand eine dicke Nadel in die Haut. Schwester Boese schließt den Schlauch an die Maschine. Das Blut bahnt sich den Weg. Dann setzt der 42-Jährige den zweiten Schlauch an. "Hier kommt das gereinigte Blut wieder in den Körper." Das Ganze dauert fünf Stunden. "Genug Zeit, um zu arbeiten", sagt Müller und greift zum Laptop. Er ruft: "Da vorn liegen die Organspendeausweise. Ausfüllen und in den Geldbeutel damit."


Weniger Zuschüsse für Dialyse-Patienten - Saarbrücker Zeitung

Saarbrücker Zeitung 29. Juli 2013

 

Saarbrücken. Weil die Zuschüsse der Krankenkassen für die Dialyse-Behandlung zum 1. Juli gekürzt wurden, sehen sich Betroffene von einer massiven Verschlechterung ihrer Versorgung bedroht. Die Kassen behaupten dagegen, es werde zu keinen spürbaren Nachteilen kommen.

 

Von SZ-Mitarbeiter Adrian Drockur

 

Die 1300 saarländischen Patienten, die an Nierenversagen leiden, machen mobil gegen eine Kürzung der Zuschüsse für ihre Behandlung. Seit 1. Juli zahlen die gesetzlichen Krankenkassen für die Dialyse-Behandlung der Nierenkranken deutlich weniger Geld. Bundesweit hat eine private Initiative fast 80 000 Unterschriften gesammelt. Im Saarland hat der Saarbrücker Dialyse-Patient Martin Müller (41) bereits 3200 gesammelt. Die Forderung: Die Senkung der Behandlungsvergütung (Dialyse-Kostenpauschale genannt) für die Ärzte muss zurückgenommen werden.

Müller, seit 34 Jahren selbst Dialyse-Patient, sagt: Wegen der Schwere der Erkrankung seien Dialyse-Patienten auf eine sehr personalintensive Versorgung und teuere Dialyse-Maschinen angewiesen. Dort werde jetzt gespart. "Zeit für eine psychosoziale Betreuung der Patienten gibt es auch nicht mehr", sagt er. Doch gerade diese sei unverzichtbar. Inzwischen müsse sich ein Mitarbeiter in einer Dialyse-Praxis um sechs bis zehn Patienten kümmern, früher seien es vier bis fünf gewesen. Das führe unweigerlich zu einer schlechteren Versorgung. "Die Dialyse-Praxis ist ein kleines Krankenhaus, wird aber bei der Abrechnung wie eine Hausarztpraxis behandelt", klagt Müller.

Auch die Nierenärzte wehren sich. Die vom Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) errechneten Einsparpotenziale seien utopisch, sagt Michael Daschner, Vorsitzender des Verbandes deutsche Nierenzentren. Die Behandlungsabläufe in einer Dialysepraxis seien dem Bewertungsausschuss von GKV und Kassenärzten, der die Ärztevergütung festlegt, gar nicht bekannt, so Daschner, der in seiner Dialyse-Praxis in Saarbrücken rund 40 Mitarbeiter beschäftigt. Seit 2002 habe es keine Erhöhung der Dialysevergütung mehr gegeben. Die Kürzung zerstöre die Planungssicherheit der Dialyse-Ärzte. Diese müssten jetzt schauen, welche Leistungen noch finanzierbar seien. Daschner: "Alle Leistungen, die über das Vorgeschriebene hinaus gehen, werden auf den Prüfstand gestellt werden."


GKV-Sprecherin Ann Marini bezeichnete die beschlossene Kostensenkung als "guten Kompromiss", die Kassen hätten eine noch größere Einsparung gewollt. "Es dürfte für die Patienten nicht zu spürbaren Nachteilen kommen." Dem schenkt Dialysepatient Martin Müller keinen Glauben: "Es gibt definitiv eine spürbare Verschlechterung der Versorgung seit dem 1. Juli."


Hoffnung auf Leben- Saarland Journal

Die Zahl der gespendeten Organe ist gestiegen.

 

Tina Schneider bekam den Anruf, der ihr Leben verändern sollte, am 29. Dezember 2001 in einem Restaurant. „Mein Vater sagte nur meinen Namen und ich wusste sofort, was los war“, erzählt die heute 30-Jährige. Die Nachricht: Es war eine Niere für sie gefunden worden. Damals war Tina Schneider  21 Jahre alt, seit vier Jahren Dialysepatientin und ihr Leben hing von einer Maschine ab. Beide Nieren waren aufgrund einer Nierenbeckenentzündung, die sie sich als Kind im Alter von neun Jahren zugezogen hatte, geschrumpft.


Rund 72 000 Menschen leben in Deutschland mit Hilfe einer künstlichen Niere, der Dialyse. 10 000 von ihnen stehen auf der Warteliste für eine Nierentransplantation. Nierenpatienten warten durchschnittlich fünf bis sechs Jahre auf eine Transplantation. Besonders Kinder belastet die Dialyse, denn allein die Tatsache, drei Mal pro Woche bis zu sechs Stunden bei der Dialyse verbringen zu müssen, führt unter anderem zu außergewöhnlich vielen Fehltagen in der Schule. Das hat auch Martin Müller, der stellvertretende Vorsitzende und Regionalleiter von Junge Nierenkranke Deutschland, erlebt. Der 39-jährige leidet unter einer Krankheit, die zu chronischem Nierenversagen führt und ist seit 1979 Dialysepatient. Eine normale Kindheit und Jugend, zu der Fußball spielen und Zelten gehen gehören, habe er nicht erlebt, berichtet Müller. Zudem gelten für Dialysepatienten strenge Ernährungsvorschriften. Am schwierigsten aber sei es, mit der eingeschränkten Trinkmenge zurecht zu kommen, sind sich Martin Müller und Tina Schneider, die im Vorstand der Vereins Junge Nierenkranke tätig ist, einig. Je nach Körpergröße und Leistung der Niere sollte ein Dialysepatient nicht mehr als 500 bis 1000 Milliliter täglich trinken. Schneider erinnert sich: „Während meine Freunde in der Kneipe sozusagen Getränke in sich reinschütteten, bestellte ich mir ein Glas voller Eiswürfel. Damit begnügte ich mich dann den ganzen Abend.“


Trotz der Einschränkungen sagt Martin Müller: „Man kann mit der Dialyse gut leben und Lebensziele verfolgen. Wer auf ein Herz, eine Leber oder Lunge wartet, hat die Zeit nicht und mit dem Fortschreiten der Krankheit wird die Todesangst immer größer.“ In Deutschland warten derzeit rund 12000 Patienten auf ein Spenderorgan. Nach Angaben von ios, dem Infoteam Organspende Saar, standen 2010 insgesamt 173 Personen auf der Warteliste der Universitätsklinik Homburg.


Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist 2010 die Zahl der gespendeten Organe in Deutschland gestiegen. Demnach wurden im Saarland wurden 72 Organe gespendet, 2009 waren es 48. Täglich sterben in Deutschland etwa drei Menschen, weil kein passender Spender gefunden werden konnte. Aktuellen Studien zufolge stehen laut ios 82 Prozent der Bürger einer Organspende positiv gegenüber, allerdings halten nur 17 Prozent ihre Entscheidung schriftlich fest oder teilen sie nahestehenden Menschen mit. Das bedeutet, dass die Angehörigen gebeten werden, nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen eine Entscheidung zu treffen. Seinen Willen dokumentieren, auch wenn man sich gegen eine Organspende entscheidet, kann man mit dem Organspendeausweis, den man entweder bei den Personalpapieren mit sich tragen oder bei einer Vertrauensperson hinterlegen sollte.


Die Voraussetzungen für die Organ- und Gewebespende - auch der Lebendspende, für die meist eine Niere in Frage kommt -  regelt das Transplantationsgesetz. Das Gesetz legt fest, dass der Tod eines Menschen festgestellt sein muss und seine Zustimmung zur Organspende vorliegen muss. Voraussetzung zu einer Organspende ist der Hirntod, den zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen müssen. „Vom Zeitpunkt der Entnahme an sollte ein Organ sollte innerhalb von 24 Stunden transplantiert sein, Herz und Leber innerhalb von sechs Stunden“, erklärt Martin Müller.


Tina Schneider fuhr also nach dem Telefonat im Jahr 2001 sofort zum Transplantationszentrum der Universitätsklinik Homburg. Etwa fünf Stunden dauerte die Operation. Tina Schneider hat Glück gehabt. Ihr Körper hat die neue Niere gut angenommen. Zwar lebt sie heute mit Medikamenten, die ihr Immunsystem unterdrücken und regelmäßigen Arztbesuchen. Ihre Blutwerte aber entsprechen fast denen eines gesunden Menschen. Und sie konnte sich ihren „Lebenstraum“ erfüllen. „Das, wofür ich immer gekämpft habe“, sagt sie und strahlt, während sie ihre fünfjährige Tochter Darlene in die Arme nimmt.