Pflegekräfte an der Belastungsgrenze – Versorgung von Dialysepatienten wird schwerer!

17.09.2022: Zum letzten Blog-Eintrag erhielt ich die Rückmeldung mit der Frage: „Könntest Du auch mal etwas schreiben, weshalb so viele Mitpatienten sehr respektlos mit dem Personal umgehen?“ Nach dem Lesen dieser Frage war dieser Beitrag gedanklich schon fertig.

 

Nicht nur Patienten sind im Dialysebereich in einer kritischen Position, sondern auch die Pflege! Wo der Patient stark reduzierte Pflegequalität durch schlechte Gesundheitspolitik erfährt, spürt das Pflegepersonal nicht nur diese Auswirkungen in der Arbeit, sondern darüber hinaus auch noch ein Fehlverhalten von Patientenseite. So ist das Dialysepersonal an zahlreichen Behandlungsorten immer größerem Arbeitsstress ausgesetzt. Zum Teil versorgen nur zwei Leute über 30 Patienten. Hierbei besitzen nicht alle Mitarbeiter eine pflege/nephrologische Ausbildung. Überdies sind in diesen Abläufen Doppelschichten, damit Patienten überhaupt noch behandelt werden können, keine Seltenheit. Die Entlohnung ist in der Anerkennung der Leistung wie finanziell teils demütigend.

 

Diese hohen Patientenschlüssel bedeuten eine anhaltende personelle Überlastung durch Hetzjagden in allen Bereichen. Steigende Krankenstände sowie eine erhöhte Fehlerquote sind hier die Folge. In diesen Stresssituationen fühlen sich auch die Patienten nicht wohl und beginnen in den Verläufen z.B. so zu zürnen: „Ich bin schon länger da, warum wird der da, der später kam vor mir angehängt?! „Ich lasse mir das alles nicht mehr gefallen!“ Obwohl die Patienten mit eigenen Augen sehen wie fieberhaft gearbeitet wird, nörgeln sie so, dass geduldige Mitpatienten ins Klagelied mit einstimmen. Ein Ablauf wie auf einer Säuglingsstation, beginnt das erste Baby zu schreien tun es am Ende alle. In völliger Ahnungslosigkeit, was vor ihren Augen geleistet wird, sprechen sie obendrein respektlos von „aufs Kaffee trinkende fokussierte Pflegepersonal.“

 

Die Klage der Patienten ist durchaus berechtigt, jedoch an die komplett falsche Adresse gerichtet. 

 

Wer heute mit offenen Augen und Wissen durch eine Dialysepraxis geht, erkennt, dass das Personal froh ist, wenn es seine Pause (30 Minuten) am Stück bekommt. Zu einem einfachen Schluck Wasser während der Arbeitszeit reicht es selten. Hier kam es in diesem Sommer auch zu Bewusstlosigkeiten. Sind die Arbeiten im Zimmer erledigt, setzen sich die Arbeiten außerhalb fort. Nicht jede Dialyse verfügt über Küchenhilfen, Bettenbezieher und Lagerarbeiter, die Material richten. Dies muss auch noch vom Personal geleistet werden. Die Zeiten von Kaffeekränzchen, wo von Patienten mitgebrachter Kuchen genossen wurde, ist mehr als 10 Jahre vorüber. Vereinzelte Orte der Glückseligkeit soll es noch geben, aber aktuell fahren die meisten Dialysepraxen weit am Limit. Das Personal steht dabei psychisch wie  physisch auch wegen den vielen Corona-Vorgaben sowie Maskentragen, zusätzlich unter gewaltigem Stress.

 

All dem ungeachtet beobachte ich und höre von Mitpatienten von weiteren Auffälligkeiten im Dialysebett? Was gerade bei vielen älteren Herren beobachtet wird ist, dass sie die jungen Schwestern als Lustobjekt betrachten und ihre Hände nicht bei sich halten können. Hinzu kommt es zu derben wie anzüglichen Sprüchen. Einige Schwestern (gerade MFA) sind an diesen Stellen psychisch überfordert. Erhalten aber kaum Hilfestellungen, denn alles wird mit dem Alter der Patienten vereitelt. Selbst wenn, der Patient alt ist und diese Neigung zeigt, dann hat hier verdammt noch mal die Pflegedienstleitung  wie der Arbeitgeber, darauf hinzuwirken, dass nur noch männliche Pflegekräfte an diesen Betten arbeiten! Es handelt sich hier um eine Straftat laut Strafgesetzbuch § 184i Sexuelle Belästigung. Der Arbeitgeber hat hier eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern.

 

Vor Gewaltandrohung gegenüber dem Personal und deren Familien schrecken manche Patienten teils in Abläufen nicht zurück! Auslöser liegen oft darin, dass sie z.B. auf etwas beharren, was der Arzt als Verordnung beendet hat. Viele weiter Konfliktpunkte entstehen in den Effekten. Auch solch eine Handlung zählt laut Strafgesetzbuch „(StGB) § 241 als Bedrohung“ und kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Gefängnisse werden im Bedarfsfall auch mit Dialyse ausgestattet!

 

Personal mit Migrationshintergrund erlebt auch immer mal wieder aus dem Patientenbett starke Diskriminierungen. Auch hier könnte eine Anzeige fällig werden! Solch Patientenklientel verhält sich so, als hätte es nicht mitbekommen, dass der Krieg vorüber ist und man sich wieder mit Handschlag grüßt. Ich finde dieses Verhalten für unentschuldbar!  Hier braucht es auch mal aus dem Patientenbett, von der Pflege wie Ärzten klare wie konsequent  Ansagen gegenüber diesem Klientel.

 

Kommt es zum Essen, sind viele Patienten sehr ungeduldig. Auch diese Situation bewirkt unschönes Verhalten. Da heißt es „hopphopp ich habe Hunger, der Imbiss steht mir zu, dafür zahlt meine Krankenkasse!“ Viele Zentren haben ihre festen Verpflegungszeiten und können erst Essen bereiten, wenn alle wichtigen Arbeiten erledigt sind. Wir sprechen hier teilweise von Dialysen, wo über 30 Patienten von 2 Pflegekräften*innen ohne Unterstützung betreut werden. Teils gibt es in den Abläufen noch große Verschiebungen, da die Krankentransporte mit großen Verzögerungen Patienten bringen wie abholen. Solche Verzögerungen tragen am Abend teils zu unbezahlten Überstunden bei. Ein deutschlandweites Ärgernis für Pflege und Patient.

 

Nach vier fünf Stunden Dialyse beginnt die Abhängezeit. Jetzt wird es in den Betten teils richtig unruhig.  Beim heimgehen verstehen die Patienten, die ja schon Rückwertsgewand die Räume betreten und auf dem Heimweg vor Eile die Schuhe verlieren, keinen Spaß! Sie feilschen zudem mit Personal und Ärzten um jede Minute weniger. Von dem Standpunkt ist längere Dialyse undenkbar! Sich in Besonnenheit üben, bis jeder an die Reihe kommt, ist nicht ihre Disziplin. Hier hat die Dialyse teils wieder Vergleichbarkeit mit einer Säuglingsstation.

 

Weiter hat es das Personal wie Ärzte mit der Patientengruppe der Verschwörungstheoretiker zu tun. Ihre Theorie besteht darin, dass sie meinen alle Fachrichtungen mit den sie zu tun haben, hätten sich in Absprache gegen Sie verschworen. Diese Überzeugung stelle ich mir im Ablauf so vor, alle Ärzte des Patienten gründen eine Facebook/WhatsApp-Gruppe und besprechen, wie man dem Patienten am besten schadet und in den Wahnsinn treibt. Für uns klingt es abenteuerlich, für diese Patienten ist es leider im Empfinden pure Realität. Mediziner gehen davon aus, dass sich hier in der nicht Akzeptanz der Krankheit und die damit verbundenen Auswirkungen sowie Regeln, eine Art Psychose entwickelt.  Die Patienten nehmen nur schwer Hilfe an und interpretieren in ihrer Wahrnehmung, bedauerlicherweise, vieles falsch und fühlen sich stets in der Opferrolle. In Patientenkreisen nennt man diese Mitpatienten fälschlicher weise Wanderpokale. Sie suchen fortwährend Hilfe in anderen Dialysen wo sie aber auch immer wieder scheitern. Was nachvollziehbar ist, die Einrichtung ist neu, doch die Probleme ziehen mit. Die Patientengruppe hat es mit ihrer Erkrankung doppelt schwer. Die Jungen medizinischen Fachangestellten sind hier bei der Patientenbetreuung schlicht überfordert. Darauf wurden sie psychologisch sowie in vielen anderen Punkten nie vorbereitet.

 

Von all diesen Patientengruppen muss Personal heftige Verbalitäten einstecken. Die würde man von zivilisierten Menschen in der Art kaum erwarten. In Teilen der beschriebenen Fällen wären Anzeigen wie Hausverbote gerechtfertigt! Diese Art von Patienten sind zum Glück die Einzelfälle. 

 

Der Ärger der Patienten ist in vielen Dingen nicht unberechtigt, nur begreift sie nicht, dass das Personal an den Stellen nicht der Sündenbock ist, sondern die Gesundheitspolitik, deren Auswirkungen sich vor Ihren Augen im Erleben zeigen.

 

Die Patienten kann ich nur auffordern besonnen zu reagieren. Ihren Unmut den Ärzten vorzutragen sowie sich auch schriftlich bei Ihren Bundestagsabgeordneten wie Gesundheitsministerien zu beklagen. Leider tun dies, die Patienten, aus Bequemlichkeit nicht.

 

Ich stelle mir es sehr belastend vor, wenn Pflegekräfte teils an Betten treten müssen, wo sie sich vor verbalen Attacken, Handgreiflichkeiten und diskriminierenden Äußerungen nicht schützen können. Wer geht so, zu den zusätzlichen Belastungen noch gerne zum Dienst?!

 

Die Situation  wird sich weder für Patienten noch Personal verbessern. Die aktuelle Situation wird alles um ein vielfaches Verschlimmern. Denn durch die Corona-Pandemie und wegen des Krieges in der Ukraine haben sich Energie, Medizinprodukte, Dienstleistungen und vieles mehr so verteuert, dass die Praxisbetreiber inzwischen finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen. Die pauschale Abgeltung für die Behandlung wurde den Preisen noch nicht angepasst. Politisch wird sogar gefordert, Leistungen weiter einzusparen. Ein Inflationsausgleich wäre sicher der erste Schritt, damit die Praxen wirtschaftlich handlungsfähig bleiben. Erste Krankenhäuser werden schon durch diese hohen Verluste geschlossen, den Dialysepraxen wird es nicht anders ergehen, wenn sich nicht schnell etwas ändert. Das Angebot der Dialyseplätze wird sich so verringern, wobei die Menschen der Babyboomer-Jahre immer mehr ins Gesundheitswesen drängen. Wird gesundheitspolitisch der Pflegeberuf nicht attraktiver gestaltet, flüchten noch mehr Pflegekräfte aus dem Beruf. Das macht die Lage nicht nur im Dialysebereich immer schwieriger. Es wird eventuell soweit kommen das man eines Tages, wie in der Pandemie einen Lockdown verhängt! Warum? Damit sich Menschen nicht mit etwas infizieren, sich Brüche zuziehen oder verletzen, da diese Belastung das Gesundheitssystem nicht mehr schaffen würde. Warum hier nicht alle Alarmglocken Sturmläuten verstehet man nicht. Um uns zu Verteidigen ist doch auch Sondervermögen vorhanden, warum nicht auch für Gesundheit. Nur Gesunde können das Land im Ernstfall schützen. Das alles spielt doch auch in die Überlastung des Personals mit. Sorry für die Abschweifung vom Hauptthema.

 

Als Patienten verlangen wir immer so behandelt zu werden, dass man versteht, wir sind auch während der Dialysebehandlung im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte. Wenn wir so behandelt werden möchten, sollten wir uns auch so Verhalten!

 

Es gibt auch zweifellos Personal, dass nicht vorbildlich in der Behandlung und Umgang mit dem Patienten ist. Hier werden Patienten teils so gereizt, sodass sie sich hilflos fühlen und zurecht ungehalten werden. Dieses Pflegeverhalten ist ebenfalls nicht zu akzeptieren. Schwarze Scharfe gibt es so auf beiden Seiten des Patientenbettes. Wenn sie als Mitpatienten so ein Verhalten im Zimmer beobachten, dürfen sie ihre Mitpatienten wie Personal Grenzen aufzeigen und deutlich darstellen, sie tolerieren dies weder privat noch hier. Dabei immer daran denken: „Der Ton macht die Musik!“

 

Bei der Dialysebehandlung entstehen sowohl im ambulanten wie teilstationären Bereich, anders als auf Klinikstationen, Langzeitkontakte zu den Patienten. Personal wie Patient werden so stetig gläserner und emotional angreifbar. Die professionelle Distanz geht häufig verloren. Häufig reden sich sogar Ärzte und Patienten mit Du an.  In allen privaten Verhältnissen braucht es ein Grundstock von Regeln wie Kompromisse, an die sich jeder verpflichtend hält. Wünschenswert wäre, wenn diese von Patient, Pflege und Ärzte gemeinsam erarbeitet würden. Gleich wie eng die Verbindung zueinander gewachsen ist, es muss an jedem Patientenbett klar zu erkennen sein, dass es um Menschen geht und um kein Arbeitsmaterial sowie Leibeigene! Für die meisten Patienten, Personal wie Ärzte ist dies eine Selbstverständlichkeit und sie sollten sich hier nicht angesprochen fühlen. Tatsache ist es jedoch die Pflegekräfte sind in allen Bereichen mehr und mehr am Limit ihrer Belastungsgrenze. Wird nicht positiv gegengesteuert, wird es schon bald sehr schwer in der Versorgung von Dialysepatienten.

 

Martin G. Müller

Spektrum Dialyse