40 Jahre Dialyse - es "Müllert" immer noch - Erst bekamen Sie ihn nicht groß und jetzt nicht klein!


Heimdialyse 1979. Meine Mutter führte die Behandlung durch.
Heimdialyse 1979. Meine Mutter führte die Behandlung durch.

Beitrag vom 27.01.2019

 

Am 27.03.2019 begehe ich mein 40ig jähriges Dialysejubiläum. Viele Kollegen in ähnlicher Situation verfassen dem Anlass, in großer Mühe ein Buch. Jeder der Schreiber, der sich die Mühe macht, investiert viel Herzblut. Doch leider ist noch keines dieser Werke, auch bei gutem Marketing, in der Bestsellerliste erschienen oder erreicht hohe Verkaufszahlen.

 

Die Analyse hierfür ist einfach. In Deutschland gibt es derzeit ca. 80.000 Dialysepatienten. Hiervon sind ca. 80 % alte- und multimorbide Patienten, die kaum noch Lesen. Sie erfassen auch die Thematik im Umfang nicht. Der Rest der Patienten schlüsselt sich in Kinder sowie Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahre auf. Es bleibt so nur eine sehr kleine Zielgruppe.  In der gesunden Bevölkerung hat man zum Thema Dialyse kaum ein Bezug. Hier nennt man die Dialyse auch gerne mal "Analys" oder "Dynalys".

 

Auch renommierte Professoren kommen mit ihren Werken nicht groß raus, da nur ein begrenztes Fachpublikum existiert.

 

Dies Wissen führte dazu, von einem Buchprojekt abstand zunehmen. Warum was fertigen, was kaum jemand kauft oder liest. Aufarbeiten möchte ich diese 40 Jahre dennoch.  Dies tue ich jedoch in der Form eines Blogs. Der Name lautet "40 Jahre Dialyse".

 

Ich freue mich auf die zahlreichen Geschichten und Personen, die mir beim Schreiben des Blogs begegnen werden. Auch die Erinnerung an die Entwicklung der Technik über die Jahre wird sicher spannend.

 

So können Sie im Blog mein Leben von Beginn meiner Erkrankung, die Entwicklung der Technik sowie der Ärzte über die Jahre und meinen persönlichen Wertegang, bis heute verfolgen. Ich werde versuchen die Beiträge kurz zu halten.

 

Ich würde mich über Ihr Interesse an meinem Blog ab ca. 01.02.2019 sehr freuen!


Der Anfang

1975 Beginn meiner Erkrankung
1975 Beginn meiner Erkrankung

Beitrag vom 02.02.2019

 

1977 im Alter von fünf Jahren waren meine Eltern so wie Familie der festen Meinung, ich wäre an der Kinderkrankheit Mumps erkrankt. Ich war, obwohl man immer sehr um mein Wohlergehen bekümmert war, oft sehr krank. Ich kämpfte mit unzähligen Erkältungen, die sich immer zu handfesten Anginas entwickelten. Der Kinderarzt verordneten mir hiergegen wiederholt Penicillinsaft.

 

Meine Mutter versuchte verzweifelt mein Immunsystem zu stärken. Sie bereitete mir daher täglich die leckersten Fruchtsäfte. Mein Vater kaufte hierzu einen sehr teueren Entsafter, der zu dieser Zeit in Haushalten nicht üblich war.  So erhielt ich täglich einen Fruchtcocktail (heute Smoothie). In diese Fruchtsäfte rührte meine Mutter zur Stärkung noch ein Eigelb sowie Traubenzucker ein. Bis heute habe ich den leckeren Geschmack noch in Erinnerung.

 

Leider zeigten die Vitaminbomben nicht die gewünschte Wirkung. Wie zu Anfang dargestellt, meinte man in dieser Zeit ich wäre an Mumps erkrankt.

 

Die Vermutung führte dazu, dass meine Patentante Lilo aktiv wurde und mein Gesicht mit Watte, die zuvor in warmes Öl getaucht wurde, belegte. Aber auch nach Tagen ging die Schwellung nicht zurück. So ging meine Mutter, da der Kinderarzt in Urlaub war, mit mir zum Hausarzt Dr. Schwinn).

 

Er Untersuchte mich, konnte jedoch nicht viel Feststellen und schickte mich wieder nach Hause. Überm Rausgehen aus dem Sprechzimmer fragte der Arzt meine Mutter, ob sie denke, dass ich Urin lassen könnte? Meine Mutter konnte es nicht sagen, hielt mich aber an es zu versuchen. Der Urin hatte dabei so im Topf geschäumt, dass der Hausarzt mich sofort, in die örtliche Kinderklinik Kohlhof, in Neunkirchen Saar, überwiesen hat.

 

Wir gingen noch nach Hause, meine Mutter packte eine Tasche und wir fuhren mit dem Taxi in die Kinderklinik. Ich weiß noch, dass ich nicht ins Krankenhaus wollte. Ich hatte Angst und weinte.

 

Nach 15 Minuten Fahrt erreichten wir die Klinik.

 

Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie ich meinen ersten Klinikaufenthalt erlebte.


In der Kinderklinik Kohlhof

Kinderklinik Kohlhof Saar
Kinderklinik Kohlhof Saar

Es war Februar 1977, als wir in der Kinderklinik mit dem Taxi eintrafen. Wir gingen im Haupteingang eine Treppe hoch. Links in der Anmeldung begrüßte uns Schwester Ruth. Schwester Ruth war aus heutiger Sicht eine Schwester der guten alten Zeit. Sie hatte einen hellblauen Kittel an, am Kragen eine Brosche mit dem Zeichen des roten Kreuzes und sie war die einzige Schwester, die ein Häubchen auf dem Kopf trug. Sie regelte mit meiner Mutter die Aufnahmeformalitäten.

 

Dann mussten wir auf den Arzt im Flur warten. Für mich als Kind war dabei der in die Wand eingelassene Essensaufzug faszinierend. Denn immer wenn das Licht leuchtete, kam eine Schwester und holte Nahrungsmittel aus der Klappe. Dann kam Oberarzt Dr. Althaus, um mich zu untersuchen. Er hörte mich ab, klopfte mit dem Hammer meine Gelenke und schaute mir mit dem Stirnreflektor und dem Spekulum, in den Mund, Nase und Ohren. Das war auch soweit für mich in Ordnung, da er dies auch spielerisch mit mir durchführte. Erst als er mir Blut abnehmen wollte, fing ich an, mich unter Schreien zu wehren.

 

Die Ergebnisse der Blutuntersuchung zeigten eine deutliche Funktionsstörung meiner Nieren. Es folgte an der Uniklinik Homburg am 20.05.1977 eine offene Nierenbiopsie. Das Ergebnis zeigte eine "mesangial-proliferative Glomerulonephitis". In Rücksprache meiner behandelnden Ärzte  mit Prof. Staub der Uniklinik Mainz erfolgte nach einer Studie, der Behandlungsversuch mit Endoxan (Chemotherapie) und Kortison im Zeitraum 13.06.1977 bis Mitte August 1977. Meine Eltern wurden über Genveränderungen infolge der Therapie informiert. Eine alternative Therapie war zu jener Zeit nicht bekannt. Jede Behandlung war experimentell. Ernährt wurde ich eiweis-/sowie vitaminreich. Bei Erkältungen wurde ich mit hoch dosierten Antibiotika behandelt.

 

Bei einem Punkt blieb sich mein Körper vom ersten Arztbrief bis heute treu. Er war und blieb häufig therapieresistent.   

 

Mein Klinikaufenthalt dauerte vom 23.02. bis 28.07.1977 an. So war ich mit fünf Jahren, 155 Tage am Stück in der Kinderklinik. Dort feierte man mit mir mein Geburtstag im März, Ostern im April sowie alle weiteren Feiertage.  Ich durfte über all die Zeit nicht nach Hause. Die Familie sah ich nur, wenn sie mich in der Klinik besuchten. Der einzige Ausgang, den ich zusammen mit meinen Eltern hatte, war der Besuch eines nahegelegen Weihers sowie Lokals im Rollstuhl.

 

Es war damals eine Leistung aller, die mich kannten und pflegten, dass es mir nicht langweilig wurde oder ich beharrlich die Therapie verweigerte. Dazu ob ich mich unter der Therapie unwohl fühlte, fehlt mir jede Erinnerung.

 

Meine Lieblingsschwestern waren damals Schwester Änne und Schwester Irma. Ebenfalls zwei Schwestern der alten Schule und noch mit Kriegserfahrung. Des weiteren gab es noch meinen Schwarm Schwester Silvia.  Wegen Ihr hörte ich rund um die Uhr auf dem Schalplattenspieler das Lied von "Christian Anders - Silvia". Im Text, den ich lauthals mitgesungen habe, hieß es: Sylvia", sag' ich nachts in allen Träumen. Keinen Tag möcht' ich mit ihr versäumen. Im Büro ist sie in allen Räumen. Sylvia, Sylvia, bitte komm, komm zu mir. Sylvia läßt mein Herz vor Glück vibrieren, manchmal auch vor Schmerz sogar erfrieren. Sylvia darf ich niemals mehr verlieren. Und ich ruf: "Sylvia, Sylvia, Sylvia, Sylvia, laß mich bitte, bitte nie allein. Denn Du weißt, ich hab' nur Dich. Du bist mein Sonnenschein ..."

 

Aus heutiger Sicht, war ich mit 5 Jahren wohl schwer verliebt! :-)

 

Meine Lieblingsärztin war Frau Dr. Plattner. Auch sie hatte mich über die Zeit lieb gewonnen. Zum Abschied schenkte Sie mir einen Teddybären von Steiff mit Namen "Toddel".  Er begleitet mich bis heute als Talisman bei meinen Klinikaufenthalten. Wurde ich operiert, wurde auch er operiert. So trägt er, so wie ich, heute auch viele Narben. Es ist ein Mahnzeichen vieler be-/und überstandener Kämpfe in 40 Jahre.

Das waren Erinnerungen an meinen aller ersten Klinikaufenthalt. Im nächsten Beitrag fahren meine Eltern mit mir nach Bad Brückenau zur Kur


Eine Kur beim Rübenerich - Privatklinik Dr. Erich von Weckbecker

Als ich im Juli 1977 entlassen wurde, waren im Anschluss regelmäßige ambulante Kontrollen in der Kinderklinik notwendig. Zu jener Zeit versuchten meine Eltern alles, um mit alternativer Medizin eine Regeneration meines Gesundheitszustandes herbeizuführen.

 

Dabei erinnere ich mich an einen Heilpraktiker, der mir für viel Geld Wannenbäder mit echten Fichtennadeln verordnete. Einziger Erfolg, es war ein schönes Spielbad für mich. Heute vermute ich, dass Duft und Wärme, durchblutungsfördernd wirken sollten. Mein Vater kaufte später, für teuer Geld, die Nadeln zur heimischen Anwendung in einem Reformhaus. Zudem musste ich Brennnesseltee trinken sowie Pampelmusen und viel Eiweiß essen. Hier gab es viel Putenfleisch, Pudding und Joghurt für mich. Alles esse ich bis heute kaum noch.

 

Ein anderer Heilpraktiker, den die Eltern mit mir aufsuchten, war auf Augendiagnose spezialisiert. Nach seiner Diagnose erklärte er meinen Eltern, dass er mir nicht mehr helfen könne. Die Nierenerkrankung sei zu weit vorgeschritten. Es würde nur unnötige Kosten verursachen, die keine Hilfe oder Stabilität herbeiführte. Er verwies an die Schulmedizin in meinem Fall.

 

Meine Eltern waren jedoch sehr verzweifelt und versuchten alles um die Gesundheit ihres Kindes zu stabilisieren. In ihnen herrschte die Angst, dass ich an der Erkrankung versterben könnte. Ein Nachbar war einige Jahre zuvor an ähnlicher Nierenerkrankung verstorben.

 

Über meine Patentante erhielten meine Eltern Ende 1978 Kontakt zu einer Familie, deren Kind auch nierenkrank war. Dessen Gesundheitszustand verbesserte sich wohl durch eine Behandlung in einer privaten Naturheilklinik in Bad Brückenau.  Das Mädchen musste in dieser Klinik Heilfasten. Zudem erhielt sie Maßnahmen wie Bäder, Güsse, heiße Auflagen, Sauna und Massage sowie tägliche Darmspülungen, für die sie zuvor Bittersalz trinken musste. Des Weiteren wurde sie mit Narturheilpräparaten behandelt. Infolge besserte sich ihr Zustand so, dass sie zu jener Zeit, wieder ein normales Leben führen konnte. Für meine Eltern war diese Nachricht wie ein Strohalm, an den man sich mit viel Hoffnung, auf den gleichen Erfolg bei mir, klammerte. Doch in der Klinik aufgenommen zu werden, war nicht einfach. Man musste sich mit dem Krankheitsbild bewerben. Mein Vater bewarb mich so zur Aufnahme in der Klinik. Der Arzt musste Entscheiden, ob er eine Hoffnung sah, mir helfen zu können. Die Rückantwort der Klinik war positiv.    So sind meine Eltern am 02.02.1979 mit mir nach Bad Brückenau in die Privatklinik Dr. Erich von Weckbecker (Spitzname Rübenerich, weil er alles selbst anbaute), zur Kur gereist.

 

Die Krankenkasse hatte dieses Vorhaben finanziell nicht unterstützt, sodass meine Eltern die Kosten selbst tragen mussten. Das viel Ihnen zu dieser Zeit schwer. Meine Mutter war 28, mein Vater 34 Jahre alt. Also eine Lebensphase wo man gerade im Aufbau des Lebens steht. Zudem musste ein Haus abgezahlt werden und meine Krankheit verursachte zahlreiche Zusatzkosten. Zu der Zeit konnte man kein Vermögen ansparen. Mein Großvater mütterlicherseits, stellte daher die finanziellen Mittel für die Kur zur Verfügung.

 

In der Klinik wurde nicht nur ich behandelt, sondern auch meine Mutter. Damit ich alles als Kleinkind mitmachte, musste sie mit gutem Beispiel vorangehen und in den sauren Apfel des Heilfastens und der täglichen Darmspülung, beißen. Auf eine tägliche Darmspülung mit Bittersalztrinken verzichtete man bei mir.

 

Das Heilfasten schlug bei mir fehl. Hier kamen Milch sowie auch frische Gemüsesäfte zum Einsatz. Ich trank es damals als Kind nicht und lehne beides bis heute ab. Es ist eine Erbkrankheit, dass die Männer meiner Familie in dritter Generation keine Milchprodukte sowie Käse essen. Auch Gemüsesäfte verweigern wir hartnäckig. Da ich mich immerzu bei der Aufnahme der Nahrung des Heilfastens übergab, musste ich mit dem Fasten aufhören. Man reichte mir dann täglich eine sehr natürlich belassene Kartoffelsuppe. Aber auch die war so zubereitet und angerichtet, dass ich mich beim Essen verweigerte. Erst als meine Mutter erklärte, wie ich die Suppe gewöhnt bin zu essen, kostete ich ein wenig davon. Jedoch nicht genug, um damit mein Gewicht halten zu können. Meine Mutter ging dann täglich mit mir ins nahe gelegene Café Fassnacht. Hier bestellte ich mir meist Wiener Würstchen mit Senf und Malzbier. Jeden Tag gingen wir so einen Berg am Friedhof entlang (1 km) hinunter und wieder hinauf. Der Sohn des Cafébesitzers war blind. Mit ihm verstand ich mich, obwohl er älter war, auf freundschaftliche Art.

 

Meine arme Mutter steckte in jener Zeit, als ich Wiener und Kuchen gegessen habe, im Heilfasten und musste mir daher immer beim Essen zuschauen. Noch schlimmer für sie muss es gewesen sein, dass sie am Wochenende, wenn mein Vater uns besuchen gekommen ist, für ihn in dessen Pension, Stek mit Zwiebeln und Pilzen gebraten hat, ohne selbst davon essen zu können.   

 

An folgende Anwendungen in der Klinik erinnere ich mich noch bis heute mit Abneigung. Früh morgens 6:30 Uhr wurde man geweckt und mit Weisweinessig abgewaschen der am Körper trocknen musste. Bis heute kann ich kein Weisweinessig riechen oder zum Kochen verwenden! Nach dem Mittagessen gab es dann heiße Kartoffelsäcke auf die Leber. Der Inhalt dieser Säcke war sehr beliebt bei den Patienten, die am Fasten waren und keine feste Nahrung erhielten.

 

Weiter erhielt ich: Fuß und Armbäder, erneut Bäder mit Fichtennadeln sowie Kleie, Molke und Roggen. Teil-/Fußreflexmassagen. An Medikamenten, Herz-Kreislauftropfen, Nierentropfen, Gallen-Lebertropfen, Zink, Kalzium, Kupfer, Pro Symioflor (abwehrstärkend), Strath G-26 (Wohl Kräuterhefe).

 

Doch der erhoffte Erfolg, auf den meine Eltern sowie Familie hofften, blieb aus. Am Ende stand für den Zeitraum 05.02. bis 17.03.1979, eine Rechnung von 2864,95 DM offen. Plus der Kosten für die Pension meines Vaters, den Reisekosten für ihn und mein tägliches Essen außerhalb der Klinik. Das war damals sehr viel Geld für eine junge Familie!

 

Am 17.03.kehrten wir aus Bad Brückenau zurück. Meine Eltern waren sehr entmutigt, da sie nun keine Vorstellung mehr hatten, wie man mir helfen konnte. Der Tod des Nachbarn, der wie erwähnt an ähnlicher Nierenerkrankung verstarb, war bei ihnen sehr präsent.

 

Die Ereignisse begannen sich unmittelbar nach unserer Rückkehr, zu überschlagen. Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Am 25.03.1979 musste ich daher notfallmäßig in die Kinderklinik Kohlhof. Auch hier waren die Ärzte ratlos und ich befand mich in akuter Lebensgefahr. Ich bekahm keine Luft, da ich voll Wasser war.

 

Am Morgen des 27.03. kam ein Arzt auf meinen Vater zu und sagte, man hätte wieder alles unter Kontrolle. Eine Viertelstunde später kam der Oberarzt Dr. Althaus zu meinem Vater und sagte, packen Sie alles zusammen, wir verlegen Ihren Sohn jetzt in die Uniklinik Heidelberg. So wurde ich früh morgens notfallmäßig in die Kinderklinik der Universität Heidelberg am 27.03.1979 verlegt. Ich erinnere mich heute noch an diese Fahrt. Dr. Althaus und mein Vater saßen im Krankenwagen (VW Bulli T1) neben mir, ich hörte das Blaulicht und das Dröhnen des Viertakt Motors mit 44 PS. So waren wir nun auf dem Weg nach Heidelberg.

 

Lesen Sie im nächsten Beitrag von der Ankunft und den Abläufen in Heidelberg.


Ich hab meine Nieren in Heidelberg verloren ...

Beitrag vom 15.05.2019

 

Nach der überhasteten Verlegung vom Saarland nach Heidelberg war ich am 27.03.1979 mit dem Krankenwagen auf dem Weg nach Heidelberg. Begleitet wurde ich von meinem Vater sowie Dr. Althaus. Zwischenzeitlich packte meine Mutter zu Hause Koffer, regelte die wichtigsten Dinge und reiste mit meinem Onkel Harald per PKW nach.  

 

Um die Mittagszeit erreichte der Krankenwagen die Kinderklinik der Universität Heidelberg. Erste Station war das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Hier wurde eine Ultraschalluntersuchung von meinem Herzen, Nieren und Abdomen erstellt. Ein Ultraschallgerät stand damals nur im DKFZ, nicht wie heute Normalität, in jeder Arztpraxis. Der Ultraschall war damals noch sehr groß und mit dicken Kabeln an einen Rechner mit Magnetbändern verbunden. Die Bildgebung war gegenüber heute sehr eingeschränkt (siehe Bild aus dem Jahre 1981).

 

Nach der Untersuchung brachte mich Dr. Althaus noch zurück zur Kinderklinik und verabschiedete sich dann von uns.

 

Meine Mutter war zwischenzeitlich auf dem Weg in der Ungewissheit, ob ihr Kind noch lebt. Mein Vater war vor Ort, wurde aber immer mit neuen medizinischen Abläufen konfrontiert, die er in der Tragweite noch nicht erfassen konnte.  Ich glaube in der Lage hatte ich es psychisch "noch" am einfachsten.

 

Vieles von diesem Tag ist mir bis heute in Erinnerung. Dazu zählt, mit  welchem Fahrstuhl ich erstmalig zur Station H6 gebracht wurde und wo mein erstes Zimmer lag. Der Fahrstuhl war der Rechte, das Zimmer war nach der Eingangstür zur Station Links das erste auf der rechten Seite. Mein Bett befand sich auf der linken Seite an der Glasscheibe. Von da sah man im Vorraum eine Badewanne, ein Wickeltisch sowie eine Toilette. Ich war nun in diesem Zimmer allein mit meinem Vater. Ich hatte riesige Angst. Die Stille sowie die besorgte Miene meines Vaters verringerten diese nicht. Er konnte mich auch nicht beruhigen, er wusste ja selbst nicht, was auf uns zukam.

 

Schwester Antje
Schwester Antje

Die Tür ging auf und eine Schwester begrüßte uns herzlich. Sie stellte sich als Schwester Antje vor. Sie informierte meinen Vater, dass Dr. Manz mit ihm reden wollte. Schwester Antje erklärte mir zwischenzeitlich,so behutsam wie möglich, dass ich nun fotografiert werde und der Arzt mich danach am Hals piksen müsse. Das wäre aber nicht schlimm, wenn ich ruhig und tapfer sei. Noch war ich dabei gefasst.

Prof. Brittinger
Prof. Brittinger

Dann wurde ich mit dem Bett in den Flur gefahren. Hier wartete ein Mann, der ziemlich verludert gekleidet war. Er trug eine alte abgetragene Lederjacke, verblasstes Hemd sowie eine alte Jens und hatte einen langen Bart. "Der hat einen Bart wie der Großvater von Heidi" dachte ich. Er begrüßte mich freundlich, machte viele Späße und erklärte mir, dass ich nun geröntgt werde. Was röntgen war, wusste ich nicht, nur die Info, dass es nicht schmerzhaft ist, war wichtig. Der Mann, der mich hier behandelte, war Prof. Brittinger (der Pionier der deutschen Shuntchirurgie. Leider 2019 verstorben).

 

Nach dem röntgen, wurde ich in ein Zimmer geschoben. Das lag am Ende des Ganges rechts kurz vor einem Balkon. In dem Zimmer, wo ich nun war, konnte ich meinen Vater durch eine Glasscheibe sehen. Nun kam Schwester Antje auf mich zu und sagte, ich solle jetzt ruhig Atmen sowie stillliegen bleiben. Dabei versuchte Sie mir, eine schwarze Sauerstoffmaske auf die Nase zu drücken. Die Situation trug dazu bei, dass ich bis heute noch Panik bekomme, wenn bei einer Operation, so eine Maske in die Nähe meines Gesichtes kommt. Ich empfand die Situation als sehr bedrohlich und fing an zu schreien und zu heulen. Nun kam auch noch der verlotterte Mann mit dem Bart und ging mir an den Hals. Jetzt wurde ich von Schwestern um mein Bett stehend, kräftig festgehalten. Selbst der Kopf wurde festgehalten. Ich kreischte ohne Ende und schaute Hilfe suchend, zwischen all den Menschen, die mich festhielten, mit Tränen in den Augen zu meinem Vater. Heute weiß ich, auch er war an der Stelle verzweifelt. Erst gab es einen Stich und dann ein knacken am Hals, das ich heute noch im Ohr habe. Man schob mir nun einen Schlauch (Shaldon Katheter) in den Hals. Es war eine traumatisierende Situation für mich. Als ich mich nach einer Zeit wieder beruhigt hatte, wurde ich wieder geröntgt und im Anschluss auf mein Zimmer gebracht.

 

Nun war auch meine Mutter da. Ich war so froh sie zu sehen und dachte sie wird mir nun, im Gegensatz zu meinem Vater helfen. Aber wir alle waren mit der Situation und den Entwicklungen an diesem Tag völlig überfordert. Meine Mutter musste um mein Leben zu retten den Abläufen ebenfalls zustimmen. Aber es war doch beruhigend, dass wir zusammen waren.

 

Schwester Antje kam erneut und holte mich mit dem Bett ab. Ich wurde wieder in das Zimmer von zuvor gebracht. Mein Bett wurde neben einen Kasten (Dialysemaschine Dreak Willok), an dem viele Lichter blinkten, geschoben. Dann verband man diesen Kasten, ich wusste ja nicht, was es war, mit dem Schlauch an meinem Hals. Hierbei schrie ich erneut ohne Ende! Ich hatte wieder große Angst, die ich jetzt, 40 Jahre später, beim Schreiben immer noch in mir nachfühlen kann.

 

Nun lag ich da im Bett, wusste noch nicht, dass ich dialysiert wurde. Nach langer Zeit, es war mittlerweile später Abend, fing ich plötzlich an zu weinen. Ich hatte so unendlich heiß! Ich schrie immer wieder ich verbrenne ... ich verbrenne. Was war passiert? Man hat mir mit der Dialyse viel Wasser entzogen, so spürte ich meine Körpertemperatur wieder. Es kam daher zum Gefühl großer Wärme, weil ich meine eigene Temperatur nicht mehr gewöhnt war. Meine erste Dialyse wurde dann auch bald beendet.

 

Man schloss mich von dem Kasten ab, brachte mich zurück auf mein Zimmer und ich bekam erstmals etwas zu Essen sowie zu trinken. Meine Eltern blieben noch bei mir, bis ich eingeschlafen war.

 

Mein erster Tag in Heidelberg ging so zu Ende.

 

Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie ich Heidelberg kennenlerne und die Letzte Ölung erhalte.